Das Kurhaus der armen Seelen

Eine Spukgeschichte aus dem Appenzellerland

«Sie hätten von der Réception aus anrufen können», erklärte die Ladenbesitzerin. «Haben Sie den Zettel nicht gesehen?» 
Der junge Mann mit dem blaugemusterten Halstuch verneinte. 
Ein alter Mann saß neben der Theke auf einem Korbstuhl, einen Becher Kaffee in der einen Hand, die Appenzeller Zeitung in der anderen, sonst war der Dorfladen leer.
«Gewöhnlich ist niemand drüben», erklärte die Besitzerin. «Wir öffnen ja nur noch auf Anfrage. Sie interessieren sich also für die Spukgeschichte…?»
Der junge Mann nickte.
«Ein Geisterjäger, aha», bemerkte der Alte ohne aufzublicken. 
«Jeder glaubt, was er glaubt», murmelte die Besitzerin und blätterte in einem Notizbuch. «Zimmer fünf, wie Sie gewünscht haben.»
«Dreißig junge Männer», fuhr der Alte fort und fixierte nun den Besucher mit listigen Äuglein, «abgestochen, erschlagen, aufgespießt.» Er hatte kurzes weißes Kraushaar und breite Backenbärtchen.
«Hören Sie nicht auf ihn», sagte die Besitzerin. 
«Was für Männer?», fragte der junge Mann verwirrt.
«Die Schlacht von vierzehnhundert-irgendwas», erklärte sie beiläufig.
«Im Loch unten», ergänzte der Alte. 
«Wenn Sie ins Dorf gehen», sagte sie, «können Sie das Denkmal sehen.» 
«Ich bin wegen dem Kurhaus da», erklärte der junge Mann, «wegen der Geschichte mit dem Hotelier.»
«Man sagt, sie seien seine Gäste», flüsterte der Alte bedeutungs­voll. 
Die Besitzerin machte eine abwehrende Handbewegung. «Der Schlüssel steckt, das Bett ist bezogen, Frühstück gibt es keins, das wissen Sie ja. Sie werden eine ruhige Nacht haben.»
«Das hoffe ich eigentlich nicht», sagte der junge Mann. «Und morgen früh?»
«Wir werden hier sein», versicherte sie.
Die beiden blickten dem jungen Mann nach, wie er über die Straße ging und dann der Bahnlinie entlang, die von St. Gallen her über den kleinen Pass führte, zum alten Kurhaus.  «Muss man bei einem Todesfall eigentlich direkt die Polizei anrufen?», fragte der Alte. 
Sie nickte seufzend. «Das wird eine kurze Nacht.»

Das alte Hotel und Kurhaus Vögelinsegg, Postkarte von Frey & Co. St. Gallen, 1913, Quelle Internet.

Das Kurhaus «Vögelinsegg» war ein vierstöckiger Klotz aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, düster, mit langen Fensterreihen und kleinen Vordächern über den Eingängen. Bei einem der Fenster gleich unter dem Giebeldach musste sich damals die Tragödie ereignet haben. Er ließ seine Tasche und den schweren Koffer mit den Geräten vor der geschlossenen Loge stehen und sah sich erst einmal um. Es roch abgestanden in den langen Fluren mit den schweren Teppichen, die Leuchter hatten Staub angesetzt, einzelne Möbelstücke waren mit Tüchern bedeckt. Trotzdem fiel es ihm nicht schwer, sich in die Zeit der Belle Époque zu versetzen, als das Kurhaus von Ostschweizer Stickerei-Baronen mit ihren bleichsüchtigen Frauen, von reichen Kaufleuten und Adelsfamilien aus ganz Europa frequentiert wurde. Bis das Unglück geschah, vor knapp hundert Jahren: Die Gattin eines polnischen Adligen stürzte sich aus dem Fenster des vierten Stocks in den Tod, nachdem sie sich über unheimliche Geräusche und Gestalten beschwert hatte. Ihr Mann gab die Schuld an ihrem Tod dem Hotelier und erschoss ihn kurzerhand, in seinem Bureau, dem jetzigen Zimmer fünf. Seither, heißt es, finde der Hotelier keine Ruhe. Spätere Versuche, das Kurhaus wieder zu beleben, scheiterten, bald schon machten Gerüchte von unheimlichen Geräuschen, Möbelrücken und schauerlichen Stimmen die Runde. 
Der junge Mann bezog sein Zimmer, las ein wenig in den Berichten, die er aus dem Internet hatte, und ging dann ins Dorf hinüber zum Nachtessen. Auf dem Weg sah er auf einer Anhöhe das Denkmal, von dem die Ladenbesitzerin geredet hatte: ein Mann mit einem Röcklein, einem korbartigen Hut auf dem Kopf und einer stachelbewehrten Keule in der Hand. 
In seinem Zimmer und im Flur baute er, als er zurück war, sorgfältig alle Apparaturen auf: Videokamera mit Restlichtverstärker, Bewegungsmelder, Magnetometer, alles was man als Geisterjäger so brauchte.  
Später lag er auf dem Bett, las, hörte Musik, macht sich Notizen für den Blog, den er schreiben wollte, und horchte auf Geräusche. Alle halbe Stunde fuhr eine Appenzeller Bahn vorbei, in Speicher läuteten die Kirchenglocken, sonst war nichts zu hören, außer was man in solchen Häusern immer hörte, ein Knarren in der Täferung, den Wind an den Fensterläden. Ab und zu machte er einen vorsichtigen Rundgang durch das Haus, mit fortgeschrittener Stunde allerdings immer weniger weit von seinem Zimmer weg. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich Geräusche, die aber gar nicht nach Spuk klangen, sondern nach moderner Popmusik. Offenbar war jemand vom Personal herübergekommen, trotz der späten Stunde. 
Ein Einheimischer räumte in der Bar auf. «Ah, der Geisterforscher», sagte er, als der junge Mann in den Raum trat, und stellte das Radio ab. Mit dem kurzen Kraushaar und den Backenbärtchen sah er dem Alten vom Dorfladen ähnlich, wahrscheinlich war es sein Sohn. «Ich räum das noch kurz ein. Wollen Sie was trinken?»
Bei allem Reiz am Unheimlichen und Gespenstischen war der junge Mann doch irgendwie erleichtert, einen anderen Menschen anzutreffen. Der schenkte ihm einen Alpenbitter ein, fragte nach seinem Hobby und was er zu beobachten hoffte. 
Der junge Mann gab ihm bereitwillig Auskunft und erzählte stolz, welche Spuk-Orte er schon besucht hätte.
«Und haben Sie schon mal einen Geist gesehen?»
«Nicht direkt», wand er sich, «Geräusche gehört, die Stimmung aufgenommen, man kann das nie so genau sagen –»
Der Angestellte nickte amüsiert und der junge Mann fühlte sich irgendwie bloßgestellt. 
Schließlich lehnte sich der Einheimische vor und sagte bedeutungsvoll: «Seien Sie froh, wenn Sie den Geistern der Gefallenen nicht begegnen.»
«Was hat es eigentlich mit dieser Geschichte auf sich?», fragte der junge Mann; davon hatte doch der Alte im Dorfladen schon geredet!
«Um 1400 herum», begann der andere und schenkte nach, «weigerten sich die Appenzeller, die hohen Abgaben zu zahlen, die der Abt von St. Gallen forderte. Der brach daher mit einer Streitmacht von mehreren tausend Mann auf, um den Appenzellern die Leviten zu lesen. Bei uns hier, etwas weiter unten im Rank, oder im Loch, wie es damals hieß, hatten die Appenzeller zusammen mit Soldaten aus Schwyz Barrikaden errichtet und erwarteten ihn. Und obwohl sie nur einige hundert waren, überrumpelten sie die Soldaten des Abts, verhauten sie aufs Übelste, jagten die Flüchtigen bis vor die Tore der Stadt und machten alle nieder.»
«Und die… die Geister der Gefallenen?»
«Als das Kurhaus gebaut wurde, hat man Skelette von rund dreißig jungen Männern ausgegraben, man weiß nicht, aus welchem Lager, vielleicht aus beiden. Junge Raufbolde, die sechshundert Jahre später noch immer die gleiche Wut im Bauch haben.» Damit drehte er sich um und räumte weiter Gläser in die Regale. 
«Hatte die Frau vielleicht diese Gestalten gesehen?», fragte der junge Mann nach einer Weile, um wieder auf die Geschichte mit dem Hotelier zu sprechen zu kommen.
«Welche Frau?»
«Die Frau, die sich aus dem Fenster gestürzt hat, wegen der danach der Hotelier erschossen wurde.»
Der Mann zuckte mit den Schultern. «Die war einfach nervenkrank», sagte er. 
Nervenkrank, dachte der junge Mann, was für ein altertümliches Wort. «Und der Geist des Hoteliers?»
«Geist des Hoteliers», wiederholte der andere und schüttelte lachend den Kopf, das sei doch «Blooscht» – was in seinem Dialekt wohl soviel wie Unsinn bedeutete. 
Vom Dorf her hörte man Kirchenglocken, der Angestellte entschuldigte sich und ging zur Tür, die in den Saal führte. «Vielleicht sollten Sie doch besser im Zimmer bleiben», rief er noch über die Schulter zurück. 

Der junge Mann blieb noch einen Augenblick sitzen. Gerne hätte er den Einheimischen noch das eine oder andere gefragt. Er hörte ihn im Saal hantieren, trank sein Glas leer und ging ihm nach. Ein eigenartiges Licht erfüllte den langen Raum. Und waren die Stühle nicht am Nachmittag noch mit Tüchern bedeckt gewesen? Den Angestellten sah der junge Mann nicht, dafür aus einem seltsam bläulichen Schimmer heraus Gestalten, zuerst nur schemenhaft, dann immer deutlicher. Er blinzelte und schüttelte den Kopf, aber die Gestalten waren da, und wie er sich umdrehen und den Saal schnell wieder verlassen wollte, sah er sich bereits von ihnen umzingelt. Ihm sträubten sich die Haare ob dem Anblick: Sie waren zwar mindestens einen Kopf kleiner als er, aber dafür umso furchteinflößender: grobschlächtige Kerle mit grässlichen Verletzungen, mit zerschlagenen Schultern, fehlenden Gliedern, einem baumelte der Kopf seitlich vom Hals, einem anderen steckte ein dicker Holzspieß im Bauch. Seltsamerweise fiel ihm in diesem Moment eine große Wanduhr auf, deren Zeiger sich in unsinniger Geschwindigkeit um das Zifferblatt drehten. Die Gestalten musterten ihn böse und umkreisten ihn mit stampfenden Schritten, die seltsamerweise unhörbar blieben, dazu sprachen sie in einem eigenartigen dissonanten Sprechgesang, den er nicht verstand. Voller Entsetzen wand sich der junge Mann, um ihnen auszuweichen, wurde aber doch hier und da von eiskalten Gliedern berührt, und es war ihm nicht klar, ob er selber vor Angst und Panik taumelte, oder ob die Gestalten ihn zwischen sich hin und her schubsten. Er verfluchte, dass er sich da hineinbegeben habe, das hatte er nun davon! Er hatte ja nie gedacht, dass er so etwas wirklich erleben könnte! Während seinem Lamento veränderte sich der Schauplatz, als ob ihn die Gestalten, ohne dass er es bemerkt hätte, ins Freie gedrängt hätten, er stand auf einem wüsten Feld mit verwitterten Grabkreuzen, einer Art Friedhof, wo sich die wilde Horde erneut um ihn gruppierte, ihn herumschubste und ihre Sprechchöre brüllte. Er sah zwischen den Gestalten hindurch kleine Lichter, Fackeln vielleicht, hörte ein schauriges Heulen. Die Szenerie war so grotesk, dass er sich einredete, er träume, und zwischendurch verfiel er tatsächlich in eine Art Trance; er hatte kein Zeitgefühl mehr; schon sah er sich gegen seinen Willen ihre schaurigen Tänze mittanzen, eine Treppe hoch; schluchzend sagte er sich, er müsse aufwachen, aufwachen!, das könne gar nicht wahr sein!, dann wurde ihm plötzlich bewusst, dass ihn die Gestalten in ein Zimmer gedrängt hatten, zu einem Fenster, zu dem Fenster, von dem aus sich die unglückliche Frau damals in den Tod gestützt hatte, aber das Fenster ging bis zum Boden, der Vorhang flatterte wie ein Leichentuch im Wind, die Gestalten schrien, drängten ihn, streckten ihre Totenfingern nach ihm aus, um er merkte, wie er langsam rückwärts auf den Rand zu ging – 
Da hörte er eine Stimme und erkannte den Angestellte von vorhin, der die grausigen Gestalten energisch zur Seite schob und sich einen Weg zu ihm bahnte. «Kommen Sie, Unglücklicher!», rief der, packte ihn im letzten Moment am Arm und zog den halb Bewusstlosen durch die johlende Menge, aus dem Zimmer, die Treppen hinunter und zurück zur Bar. 
«Großer Gott, was…?», stammelte der, noch immer außer sich vor Entsetzen.
«Die Geister der Gefallenen», erklärte der Einheimische. «Sagen Sie, dass ich Sie gerettet habe!»
«Mein Gott, mein Gott…»
«Sagen Sie es, bitte, sagen Sie es!», wiederholte der andere.
«Dass Sie mich…?»
Der Angestellte nickte ungeduldig.
«Ja, natürlich», stotterte er, «Sie haben mich gerettet. Ich weiß nicht, wie ich…» 
Doch da stürmte der andere schon wieder los, sehr zufrieden, wie dem jungen Mann schien, aber da er nicht erkennen konnte wohin, brach er erneut in Panik aus. Blind vor Angst rannte er schließlich in sein Zimmer, warf im Vorbeigehen das Kamerastativ um, verriegelte die Tür und verkroch sich zitternd in seinem Bett, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, den Blick auf die Jugendstil-Lampe gerichtet, betend, dass nicht plötzlich das Licht ausging. So verharrte er bis zum Morgengrauen, zuckte bei jedem Knarren der Täferung, bei jedem  Windstoß an den Fensterläden zusammen, es waren die schrecklichsten Stunden seines Lebens, und er hätte alles darum gegeben, wenn der Einheimischen bei ihm gewesen wäre, der offenbar keine Angst vor diesen Horrorfiguren hatte, aber um nichts in der Welt wäre er noch einmal aus dem Zimmer gegangen, um ihn zu suchen. 

Die Sonne war noch nicht lange aufgegangen, als der junge Mann völlig verstört mit seiner Reisetasche und dem großen Koffer im Dorfladen auftauchte. 
Die Besitzerin räumte bereits die Regale ein. «So früh schon auf den Beinen?», fragte sie erstaunt. 
Auch der Alte saß wie am Vortag auf seinem Korbstuhl und musterte ihn amüsiert.
«Sie können sich nicht vorstellen, was ich diese Nacht erlebt habe», begann er, und dann erzählte er, zuerst stockend, dann immer atemloser, was ihm widerfahren war.
«Ach, Sie waren das da draußen?», fragte sie. «Nachtwandeln Sie häufiger?»
Er erklärte enerviert, das sei kein Nachtwandeln gewesen, die Gestalten, die Geister der Gefallenen hätten ihn auf den Friedhof und durch das Haus getrieben. 
«Friedhof?», fragte die Besitzerin amüsiert. «Hier gibt es keinen Friedhof, nur die Bahnlinie. Ich fürchte, Sie sind im Schlaf nach draußen gegangen.» Sie griff unter die Theke und nahm ein blaugemustertes Halstuch hervor. «Ist das Ihres?»
Der junge Mann starrte lange auf sein Halstuch und nickte schließlich.
«Es war auf dem Bahngleis», erklärte sie. 
«Nicht ungefährlich, nachts auf den Schienen», murmelte der Alte. 
«Sie sollten das abklären lassen», riet die Besitzerin.
Der junge Mann schüttelte energisch den Kopf. «Nein, das war anders. Sie… Sie können den Mann fragen, der mich gerettet hat.»
Die Besitzerin schaute ihn besorgt an. «Im Haus war niemand außer Ihnen.»
Der junge Mann musterte den Alten, der seinem Retter so ähnlich sah, dann entdeckte er plötzlich neben der Kasse ein gerahmtes Schwarz-weiß-Foto. «Der hier», rief er und zeigte auf das Bild, «der war es!» 
Die Besitzerin schüttelte mitleidig den Kopf. «Den haben Sie mit Sicherheit nicht gesehen. Das ist der ehemalige Besitzer des Kurhauses – Und der ist, wie Sie ja wissen, seit über hundert Jahren tot.»
Einen Moment blieb der junge Mann wie angewurzelt stehen, kreideweiß im Gesicht, schaute von der Besitzerin zum Alten, zum Foto und wieder zurück, dann packte er plötzlich seine Tasche und sprang aus dem Laden, als sei der Leibhaftige hinter ihm her. 

Die Besitzerin schüttelte den Kopf. «Jetzt hat er seinen Koffer stehen lassen.» 
«Gescheh’ nichts Schlimmeres», sagte der Greis zufrieden. «Hoffen wir, dass er seine Geschichte im Internet bekannt macht und dass in absehbarer Zeit wieder einer kommt.»
«Tja, ich hätte nicht gedacht, dass der Alte es diesmal rechtzeitig schafft», sagte die Ladenbesitzerin und wischte sich die Hände an der Arbeitsschürze ab. 
«Und die armen Seelen hatten ja trotzdem ihren Spaß», sagte der Alte. 
«Endlich wieder für ein paar Monate Schluss mit dem nächtelangen Heulen und Möbelrücken!»
«Jetzt müssen wir nur noch verhindern, dass sie das Kurhaus abreißen und diese neumodische Klinik hinstellen», brummte der Alte. 
«Nicht auszudenken, was passierte, wenn die Geister der Gefallenen zusammen mit deinem Großvater dort herumspukten.» Sie nahm das Foto von der Theke und reichte es dem Alten. «Da, nimm ihn in der Zwischenzeit wieder zu dir.» 


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