Das Reservat der bedrohten Fabeltiere

Im Frühsommer des Jahres 1021 verließen fünf Männer das Kloster des Hl. Gallus und drangen in den dichten Urwald vor, wie er damals fast ganz Mitteleuropa bedeckte […]. (Das Reservat der bedrohten Fabeltiere).

Ausschnitt aus der St. Galler Weltkarte von 1022, St Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 2136. Nachzeichnung.

[…] Aus der waghalsigen Expedition mutiger Männer hätte wahrlich ein kartografisches Meisterwerk resul­tieren können, auch tausend Jahre später noch ein Besuchermagnet in der Barockbibliothek des ehe­maligen Benediktinerstifts in St. Gallen. Die Forscher würden sich über die Frage streiten, ob das Überbleibsel nur ein Viertel einer ursprünglich größeren Karte sei oder ob sie von Anfang an so angelegt worden sei. Besondere Beachtung fände die Darstellung der Fabeltiere gleich neben dem Kloster. Solche Mirablien sind zwar in der mittelalterlichen Kunst sehr verbreitet, auf den wenigen überlieferten Karten aber immer konsequent auf den Rand der dargestellten Welt beschränkt. Hier hingegen tummelten sich Riese, Drache, Zwergen, Bär, Hirsch, Einhorn, Ameise, Eule und ein bärtiger Mann auf engstem Raum in unmittelbarer Nähe des Klosters, kunstvoll in karo­lingischen Minuskeln beschriftet, in einer unge­wohnten Mischung von Latein und Volkssprache: cervus (Hirsch), ursus (Bär), igil, formica (Ameise), uuildi man, draco, elephantus, aper(Wildschwein), risi, noctua (Eule), lepus (Hase), einhurno, tuuercch (Zwerg), serpens (Schlange). Die Karte wäre immer wieder Gegenstand interdisziplinärer Kongresse: ottonische Kartografie; klösterliche Miniatu­ren­malerei; althochdeutsche Glossen; Urkunden und Besitzverhältnisse des Klosters St. Gallen. – 

Wäre, hätte, würde. Hätte nicht genau zu der Zeit das Heer Kaiser Heinrichs II., auf dem Rückweg von Apulien, wo es die päpstlichen Ansprüche gegenüber lokalen Königen erfolgreich zurückgefordert hatte, die Pest aufgelesen, mit über die Alpen und schließlich auch ins Kloster selber gebracht. In den Annales Sangallenses maiores zu 1021/22 heißt es: «Der Herr Abt Purchart, dieser hochfeine Spiegel der heiligen Kirche, sowie Ymmo und Purchart, Jünglinge guter Begabung, kamen um. Notker, in unserer Erinnerung der gelehrteste und gütigste aller Menschen, ferner Heribert und zwei Ruodberte, Männer von höchster Unbescholtenheit, Tietrich und Liutold starben an jener weithin wütenden Krankheit.»1Es ist zu befürchten, dass auch der aufgeweckte Novize, den wir Heimo genannt haben, den Tod fand. Das Projekt einer Weltkarte nach fränkischem Vorbild starb mit ihnen.

1 „Kostbar ist der Tod“. Tröstliche Geschichten vom Sterben im mittelalterlichen Galluskloster. Von Johannes Duft, Alt-Stiftsbibliothekar, St. Gallen 2002.

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