Ein ferner Freund

Ich habe einen Freund, der wohnt an den backsteinernen Ufern der Garonne in einer Sozialwohnung. Manchmal, wenn hier die grauen Tage anbrechen, denke ich an ihn, besonders an verhangenen Feiertagen, wo die Stadt wie ein misslungenes Bühnenbild aussieht, das man in einen grauen Keller gesteckt hat. Dann denke ich manchmal an ihn, denn auch bei ihm ist der Himmel nicht immer blau.

Er schreibt mir poetische Briefe voller Orthographiefehler. Er schreibt auf kleine Zettelchen, die er aus einem Heft reißt, mit Kugelschreiber, in einer Bar Du bourg Salignac, sogar am Weihnachtstag. Er schreibt von den grauen Wolken, die wie eine Mauer am Horizont stehen, oder von der Sonne, die über seiner Kindheit stand. Vielleicht war die Sonne damals wirklich heller. Er schreibt viel, viele kleine Ideen, und die Grenze zwischen Geist und Unsinn verfließt: »Ost – Nord – West – Süd – je nachdem, wie viel Bier man getrunken hat«.

Heute gibt es eine Neuigkeit, aber deshalb ist es noch kein besonderer Tag, bei ihm jedenfalls nicht, zwischen Rauch und Stimmengewirr: Der Briefträger ist gestorben, auch er ein wortkarger Geselle, der geduldig auf ihn wartete, bis er im Stehen noch schnell die letzten Einfälle auf die Umschläge der Briefes gekritzelt hatte. Die Briefe an mich oder an seine Eltern auf dem Land.

Im Salignac denkt er darüber nach, dass er keine Arbeit hat, kein Geld, um mich zu besuchen, über die zerbrochene Beziehung und die haltende Freundschaft. Aber, Jean-Luc, es ist ja so einfach eine Freundschaft über seitenlange Briefe zu erhalten. Wie viel ehrlicher ist da jedes dieser kleinen Worte, wie du sie oben, am Rand oder auf die Rückseite deiner Briefe zu schreiben pflegst. Im Salignac bist du nicht allein, auch wenn du zu niemandem sprichst und dich nur das Akkordeon, das Stimmenrauschen und Gläserklirren unterhält. 

Und noch einige Worte für den toten Briefträger, eine kleine Ode an den Briefträger, den schnellsten, ihn, der den Mond vom Himmel abhängen konnte.

Am Abend wird er mit seinem alten Vater in die Messe gehen, schreibt er. Ich stelle mir einen kleinen, grauen, vom Leben gezeichneten Bauern vor, der kaum ein Wort sagt. Hoffentlich werden wir singen, schreibt er. Aber sicher werdet ihr singen!Und am nächsten Tag werdet ihr zusammen in die Gärten gehen. Da sitzt ihr dann auf einer Parkbank, schweigend und wahrscheinlich glücklich. Der alte Vater füttert die Vögel, während du nachdenkst, im Stillen kleine Worte dichtest, die du später auf die Briefumschläge schreiben kannst, und beobachtest, wie sich die Welt dreht.

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