Endlosschleife – ein apokalyptisches Rätselspiel

Der Verputz bröckelt, die Mauern altern schneller als wir. Dafür hat das Moos den steinernen Wassersammler hinter dem Haus vollständig überwachsen und dehnt sich nun auch über den Rand der Steinplatten aus. Efeu wächst in der Waagerechten 1.17 mal so schnell wie an der Mauer, die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Moos ist 22.31 mal höher als diejenige von Löwenzahn. Uhren haben wir keine mehr, aber nach wie vor Zahlen und Operatoren.

Wir sind zu fünft in diesem Haus, das uns langsam über den Kopf wächst. Wenn Marius nicht auf einem seiner Streifzüge ist, sitzen wir oft zu dritt im Wohnzimmer, Alisha, er und ich, beim Licht von Kerzen aus einem der aufgebrochenen Supermärkte. Wir spekulieren darüber, was passiert ist, ob wir die einzigen Überlebenden sind, ob es noch andere Gestrandete gibt, ob auf Montag jemals Dienstag folgt. 

Der Typ, der auf einer mit Plastik bedeckten Liege sitzt, ein Notizbuch in der Hand, hat in einem früheren Leben Medizinal-Prothetik an Krankenhäuser und Arztpraxen verkauft, sein Blick ist vom Vorübergehn der Tage so müd geworden, dass er nichts mehr hält außer Wörter, Sätze und Textfragmente, die er sammelt und neu kombiniert. So schreibt er die letzte Seite, nein den letzten Abschnitt, die letzte Zeile der Literaturgeschichte. Er ist es auch, der sich die Rätsel ausdenkt. Dieses hier ist Nr. 2‘354b.

Alisha und Gian vögeln bei jeder Gelegenheit, in den Küchen von Schnellimbiss-Restaurants, in leeren Tiefgaragen, auf den Sitzbänken stehengebliebener Überlandbusse, unter Zapfsäulen von abgebrannten Tankstellen und mitten auf rissig gewordenen Straßen, auf denen sich weißliche Flechten ausbreiten. Nicht aus Lust, hätte die Psychologin gesagt (die sich umgebracht hat), sondern aus Angst, plötzlich feststellen zu müssen, dass man gar nicht mehr lebt.

Grobe Verschmutzungen sind aufzuheben. Schermengasse. Halteverbot. 

Den Fokus auf die Fragen legen, in welchen der Anteil an kritischen Stimmen grösser als 25% war. Augenlasern für nur CHF 1’695. Herbstkonzert des akademischen Kammerorchesters.

Die Eltern müssen sich seit Dienstag wegen vorsätzlicher Tötung vor Gericht verantworten.

Estelle ist in die Stadt gerannt und hat sich vom Pfeiler eines Autobahnzubringers gestürzt. An einem Montag. Es ist immer Montag, weil sich an einem Montag die ganze Katastrophe ereignet hat und wir seither, davon sind wir fest überzeugt, ständig nur diesen einen Tag durchlaufen, wieder und wieder. Im Gegensatz zum Kommunikationsberater fragen wir uns manchmal, ob wir ewig leben, ob wir doch langsam sterben oder sogar schon tot sind, in einer Art Existenzialisten-Hölle.

Von uns fünf hätten alle die Zeit zum Rätsellösen, außer Marius vielleicht, aber Game-Designer mögen ohnehin keine Rätsel. Nur: Da es immer um uns selber geht, kennen wir die Antworten schon. Und auf die wirklich wichtigen Fragen gibt es keine. Zumindest für uns nicht. Vielleicht für die Toten, Estelle, Torben und die Ungezählten da draußen.   

Torben war einst Statistiker bei einer Rückversicherungsgesellschaft, spezialisiert auf Risikoanalysen für Unwetter und Naturkatastrophen. Irgendwann ist er schwächer und schwächer geworden und schließlich hinter dem Haus auf der Liege verendet. Wir haben im Schuppen eine Plastikplane gefunden, ihn darin eingewickelt und begraben. Als er noch lebte, hat er nicht nur alles Mögliche in Stand gesetzt, sondern auch Dinge zusammengeflickt und Geräte gebaut, die für uns keinen Sinn ergaben. Eine zweite Plane haben wir später auf die Liege gelegt, der Hof hinter dem Haus ist unser locus amoenus.

Keine Naturkatastrophe, keine Atomexplosion, keine Sonneneruption, keine Massenpanik, keine Fluchtwelle, nicht einmal ein Massensterben. Anfangs noch ab und zu Leichen, irgendwann keine mehr. Eigentlich ist nur alles stillgestanden.

Dabei geht es uns gut. Was uns die Natur nicht gibt, schleppt Marius aus den Supermärkten der Stadt heran. Seit einiger Zeit kann er sogar die Käse-Theken und Fleisch-Auslagen wieder ohne Atemmaske betreten. Gewisse Lebensmittel halten ewig, etwa Reis (derjenige mit geringem Fettanteil), Teigwaren und Konserven. In ägyptischen Gräbern der Pharaonenzeit hat man Honig gefunden, der noch genießbar war. Manchmal macht er auch längere Streifzüge, und wir wissen nicht, wann er wieder kommt. Das Wasser ist gut, besser als früher. Die ehemalige Tourismus-Verantwortliche beobachtet und vermisst, wie sich die Pflanzenwelt ihren Platz zurückerobert.

Top-Weine zu Top-Preisen. Steig ein. Komm weiter. Zuerst den Pizzateig ausrollen, mit etwas Tomatensauce bestreichen und geschnittenen Mozzarella darüber streuen. STOP bei Rollverkehr. Schalten Sie vor der Wartung die Stromversorgung aus. 

Der Kommunikationsberater plant den Wiederaufbau. Für ihn läuft die Zeit nach wie vor in eine klare Richtung, für ihn gibt es Entwicklung, gibt es Zukunft, die geplant werden muss, generalstabsmäßig, Tag für Tag, im oberen Zimmer, auf riesigen Papierbögen, in Schulheften und auf Schreibblöcken. Für ihn folgt auf Montag Dienstag, auf Dienstag Mittwoch, auf Mittwoch Donnerstag, auf Donnerstag Freitag, auf Freitag Samstag, auf Samstag Sonntag und erst auf Sonntag wieder Montag. Ein neuer Montag. 

Birgit war Lebensmittel-Ingenieurin. Jetzt lebt sie von ihren Erinnerungen. Manchmal wirft sie Dart-Pfeile auf die Zielscheibe im Hof. Stundenlang. Wir andern haben längst gemerkt, wie trügerisch Erinnerungen sind, dass das, was wir von der Welt früher zu wissen glauben, wuchert, sich wandelt, andernorts abstirbt. Eingepflanzte Erinnerungen, Leben in einer Matrix, False Memory Syndrom. Vielleicht waren wir schon immer da oder sind es gar nicht, sind einer statt fünf. Sieben. Oder lösen uns au  w e   d i e    r    T       t        .

  1. Welchen Beruf hatte Alisha vor dem Zusammenbruch der Zivilisation? 
  2. Wie heißt der Kommunikations-Berater? 
  3. Warum hat sich gerade die Psychologin umgebracht?
  4. Was bringen Erinnerungen?
  5. Folgt irgendwann auf Montag Dienstag?

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