Geschichtstriebe – Hans Herjørnsrud und ich

Ich habe nie eine Doktorarbeit über Hans Herbjørnsrud geschrieben. Trotzdem stand es so in der Zeitung, am 6. Februar 2003, im Kulturteil des «Telen», der Regionalzeitung der Telemark, wo Herbjørnsrud, ein renommierter norwegischer Autor der Moderne, auf einem Bauernhof lebt. 

Den Namen Telemark kennt man hierzulande vor allem als Bezeichnung des Ski-Stils, den der Norweger Sondre Nordheim Mitte des 19. Jahrhunderts populär gemacht hat. Damals war noch nicht die Zeit, in der die Skisportler im geheizten Mannschaftsbus zu den Austragungsorten gefahren wurden. Die 200 km nach Iverslokken in Høydalsmo, wo Nordheim 1868 erstmals das Alpin-Skirennen gewann, soll er noch größtenteils auf den Skiern zurückgelegt haben. Sondre Nordal könnte theoretisch ein Ur-ur-ur-Ahne von Herbjørnsrud sein, in der Realität oder in einer von Herbjørnsruds Geschichten, in denen sich Biographisches, Historisches und Fiktionales, erlebte, erfundene und gelesene Geschichten zu einer einzigartigen Erzählwelt verstricken. 

Es sind verwickelte, verworrene und ineinander verschlungene Geschichten, von Bauern, Lehrern, Anatomie-Studenten, Dichtern, Pilotinnen und Museumsdirektoren. Es könnte auch die Geschichte eines Germanistik-Doktoranden aus Zürich sein, der sich unter dem Druck seines Doktorats, vor Versagens- und Zukunftsängsten in die Nordistik-Abteilung flüchtet, wo es kleiner, persönlicher, menschlicher zu und her geht. Der so in eine kleine Gruppe von Zürcher und Münchner Studenten gerät, die sich zum Ziel setzt, eine der Novellen von Herbjørnsrud, die als unübersetzbar gilt, ins Deutsche zu übersetzen. Ein schönes Projekt, das nette Freundschaften hervorbringt, die sich leider zum größten Teil mittlerweile verloren haben. Eine Geschichte. Erinnerungen.

Ich war mir lange nicht bewusst, welch starken Einfluss Hans Herbjørnsruds Novellen auf mein eigenes Schreiben hatten, das zunächst als Übersetzen begann: die Übersetzung eines Lehrbuchs für Physiotherapeuten aus dem Schwedischen ins Deutsche, die Übersetzung von Auszügen des finnischen Nationalepos «Kalevala» auf Grundlage einer schwedischen Übersetzung ins Schweizerdeutsche, schließlich die Übersetzung von Herbjørnsruds Novelle «Kai Sandemo». Schon in diesen Anfängen schimmern Merkmale durch, die für Herbjørnsruds Literatur typisch sind und die mein eigenes Schreiben geprägt haben: Loslassen von konventionellen Textsortengrenzen, Aufgreifen und Verwerten aller möglichen Texte, das Spiel mit Sprachen und Sprachvarianten. 

 «Kai Sandemo» ist die Geschichte eines Brudermordes, mit vielen Anspielungen auf die biblische Geschichte von Kain und Abel und den düsteren Roman des Norwegers Axel Sandemose Ein Flüchtling kreuzt seine Spurvon 1975. Kai Sandemo, der Brudermörder, hat sich in Dänemark eine neue Existenz aufgebaut, und während er sich erzählend der schrecklichen Tat seiner Jugend und damit seiner Heimat in Heddal annähert, wandelt sich seine Sprache kontinuierlich vom Dänischen über verschiedene Varianten des Norwegischen bis zum Dialekt von Heddal. Unübersetzbar, konstatierte der Luchterhand-Verlag, der den Erzählband 2000 auf Deutsch herausbrachte, und ersetzte den Text kurzerhand durch einen anderen. «Kai Sandemo» widersetzt sich ganz wunderbar der Übersetzung, und was wir machten, hatte dann auch nicht mehr viel mit Übersetzen zu tun. Wir schrieben eine neue Geschichte, die Geschichte von Kai Sandmoser, der sich von Ellwangen in Baden-Württemberg aus, wo er ein Museum leitet (vermutlich das Alemannen-Museum), sprachlich über das Standarddeutsche, das Schweizerhochdeutsche und Schweizerdeutsche hin zum Rätoromanischen und damit seiner Heimat in Graubünden zubewegt. Eine Nachdichtung, eine neue Geschichte. 

Anlässlich der Präsentation unseres Buchs im legendären «Cabaret Voltaire» in Zürich lernte ich Hans erstmals persönlich kennen. Er erinnerte mich ein wenig an eine Eule, bewegte sich bedächtig, fast ein wenig linkisch, wirkte manchmal in Gedanken verloren, las aber mit einer starken, tiefen Stimme, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, in überdeutlicher Diktion. Von unserem Projekt war er fasziniert. 

Im Zeitungsartikel vom Februar 2003, der in seinem Beisein entstand, dringt Herbjørnsruds Faszination für unser Projekt deutlich durch. Er fühle sich stolz und geehrt, wird er zitiert, dass sein 50-seitiger Text Gegenstand vierjähriger Forschungsarbeit geworden sei. Zwei Magisterarbeiten seien daraus entstanden, wird im Artikel vermerkt, und eine Doktorarbeit, nämlich diejenige des 30-jährigen Marc Späni, der eben zu Besuch auf Herbjørnsruds Hof sei. Das Foto zeigt den jungen Doktoranden, im Winterpulli, zusammen mit dem Dichter vor der Scheune und dem Ahornbaum, beides Elemente aus den Novellen, die fast immer in Heddal, in nächster Umgebung des Herbjørnsrud-Hofes spielen. Ich war in jenem Winter zur Hochzeit einer norwegischen Bekannten eingeladen, die ich während meines Austauschjahres in Toulouse kennengelernt hatte, und wollte es mir nicht nehmen lassen, bei dieser Gelegenheit Hans einen Besuch abzustatten und die Umgebung zu sehen, die mir aus all den Geschichten so vertraut war. Hans und seine sympathische Frau Anna, eine pensionierte Primarlehrerin aus Dänemark, luden mich sofort ein, bei ihnen die Nacht zu verbringen.

Die Hochzeit in Drammen verpasste ich dann allerdings. Es herrschte so starker Schneefall, dass mein Weiterflug von London ausfiel und ich in einem kleinen Ort namens Bischop’s Stortford in der Nähe von London Stansted strandete. Wieder eine andere Geschichte. 

Nach Notodden kam ich ohne Probleme. Hans und Anne empfingen mich herzlich, Hans zeigte mir den Hof, und abends – es war sehr früh dunkel – saß ich dann mit den beiden in der gemütlichen kleinen Stube, neben der blinden Tür, hinter welcher der Erzähler der gleichnamigen Novelle ein Kinderskelett aus dem späten 19. Jahrhundert entdeckt hatte. 

Den Journalisten vom «Telen» hatte Hans für den nächsten Morgen bestellt. Dass nicht alles ganz korrekt herauskam, hing zum einen sicher damit zusammen, dass ich mich nicht ganz treffsicher ausdrücken konnte (auch wenn im Artikel das Gegenteil behauptet wird), vor allem aber damit, dass Hans seine ganz eigene Version der Geschichte einbrachte, was man einem Dichter ja kaum verübeln kann. Ganz am Ende des Artikels, wo ich zum Ausdruck bringe, wie sehr mich der Ort als Schauplatz der Erzählungen fasziniere, wirft Herbjørnsrud ein, man müsse sich manchmal tatsächlich fragen, ob man sich hier auf dem Hof in der Wirklichkeit oder in den Novellen befinde. 

Den Herbjørnsrud-Hof habe ich zum Schauplatz meiner Erzählung «Übungsstunde in norwegischer Konversation» gemacht, in der ein pensionierter Schweizer seine Vorfahren in Norwegen besucht und in einem Ibsen-Drama landet. Wenn ich an den Hof denke, erinnere ich mich nicht nur an die gemütliche Stube, den Ahornbaum, die blinde Tür, sondern auch an das Alkovenbett, aus dem Herr Foldal fast nicht mehr hochkommt, den Blick aus dem Fenster zur Zufahrtsstraße, Bilder, die nur meiner eigenen Geschichte entstammen. 

Vorbild für Herr Foldal war übrigens ein pensionierter Broker aus New York, der mit mir zusammen den Norwegisch-Sommerkurs in Bergen besuchte und den ich einige Jahre später in New York wieder traf, was wiederum Stoff gab für die unveröffentlichte Erzählung «Home in the Woods», deren Titel auf ein Gemälde von Thomas Cole zurückgeht. Die Hauptperson jener Erzählung, eine Schweizer Wissenschaftsjournalistin, betrachtet das Bild zusammen mit dem Sohn ihres Bekannten, eines Science Fiction-Autors aus dem Städtchen Beacon am Hudson River, wo ich auf einer meine USA-Reisen eine Ausstellung mit monumentalen Kunstwerken besuchte, die «Dia:Beacon». An diesen Ausflug, ebenso wie die Wanderung durch den Bear Mountain State Park oder den Besuch dieses kleinen Jazz-Clubs in Manhattan erinnert sich auch der Kriminalbeamte Pascal Felber im letzten Band meiner Krimi-Trilogie. Die Wissenschaftsjournalistin ist übrigens einer Studienkollegin nachempfunden, die damals auch Nordistik studierte. 

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass ich gar keine Geschichten erfinde, sondern dass diese sich ganz von selber entwickeln, sich verästeln, verknospen, mit anderen verwachsen und immer wieder neue Triebe bilden. Dass die Begriffe Realität und Fiktion eine sehr, sehr, sehr vereinfachte Sicht der Dinge darstellen. 

Von Hans Herbjørnsrud gibt es auf Deutsch: 

  • Die blinde Tür. Aus dem Norwegischen von Siegfried Weibel. Luchterhand Verlag, München 2000. ISBN 3-630-87069-4
  • Kai Sandemo / Kai Sandmoser. Herausgegeben von Elisabeth Berg und Uwe Englert. Nachdichtung von Michael Baumgartner u. a. Mars Verlag, Frankfurt/Zürich 2005. ISBN 3-00-015759-X
  • Die Brunnen. Erzählungen. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. Luchterhand Verlag, München 2010. ISBN 978-3-630-87269-8

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