Neubausiedlung

Ein seltsamer Zufall will es, dass bei uns in der Siedlung früher oder später alles gleich wird. Zwar sieht ohnehin schon alles gleich aus: 64 Einfamilienhäuser nach gleichem Bauplan, die gleichen Kelleraufgänge, die gleichen Vordächer, die gleichen Fensterrahmen und Sonnenstoren, die gleichen Terrassenplatten. Aber das meine ich nicht: Auch das, was nicht vom Bau her gleich ist, wird es mit der Zeit. Beispielsweise bemerkte ich neulich, als ich von der Arbeit kam, im Eingangsbereich eines anderen Hauses einen dieser Pop-Art-Drucke, zwei Häuser weiter denselben, und in einem weiteren Haus ein drittes identisches Exemplar: die Comiczeichnung eines Liebespaares in Nahaufnahme; die Frau weint und sagt etwas von neuen Stiefeln, der Mann tröstet sie und verspricht zu schauen, was er tun kann. Ich weiß das so genau, weil dasselbe Bild einen Tag später auch bei uns hing; meine Frau hatte es übers Internet bestellt. Nun ist es aber keineswegs so, dass wir in der Siedlung einander solche Dinge abschauten. Ganz im Gegenteil, meine Frau und ich legen größten Wert auf Individualität. Aber in einer Sache hat meine Frau natürlich völlig recht: Sich etwas nicht zu kaufen, obwohl es einem gefällt, nur weil die Nachbarn sich zufälligerweise dasselbe gekauft haben, wäre das pure Gegenteil von Eigenständigkeit und Individualität.

Nur bleibt es nicht bei einem Bild. Über kurz oder lang wird, wie gesagt, alles in der Siedlung gleich. 

Möglicherweise hat es damit zu tun, dass wir modernen Eigenheimbesitzer sehr bewusst konsumieren. Wir vergleichen Produkte im Internet auf Qualität und Preisleistungsverhältnis, beachten Lieferfristen und Zolltarife, deshalb kommen wir zwangsläufig auf ähnliche Produkte, wo wir doch auch alle mit Eigenheim, Garten, Auto, Kleinfamilie und Bürojob ähnliche Bedürfnisse haben. Wen wundert es also, dass in unseren Gärten dieselben Trampoline und Grillstationen stehen, dass dieselben Musikanlagen die Sitzplätze beschallen, dieselben Pumpen im Sommer das Wasser derselben Pools reinigen? Auch dass in der Tiefgarage ein SUV neben dem anderen steht, jeder in ähnlicher Farbgebung, zeugt höchstens von der Phantasielosigkeit der Autoindustrie, nicht von unserer.

Als ich an diesem Tag nach Hause kam, hatte ich das seltsame Gefühl, etwas sei anders als sonst, konnte aber nicht festmachen, was es war. Eigentlich hätte ich es merken müssen, als ich die Post auf den Tisch legte, wo schon Post lag, dieselben Briefumschläge, aber an den Nachbarn drei Häuser weiter adressiert. «Der Briefträger hat sie falsch eingeworfen», sagte ich zu meiner Frau.

«Gib her», meinte sie, nahm die Umschläge und warf sie in den Küchenmüll. Hätte ich genau hingeschaut, hätte ich merken müssen, dass es unsere, nicht die der anderen waren.

Die Kinder spielten irgendwelche Kriegsspiele an der Spielkonsole und gaben keine Antwort auf meine Fragen. Meine Frau rapportierte, wie sie den Nachmittag damit verbracht habe, die Schulprojekte der Kinder voranzubringen und den familieninternen Lernplan abzuarbeiten. Wegen der 4.5 in Englisch habe sie bereits eine Beschwerde geschrieben. Ich bin froh, dass sie als moderne Frau das Coaching der Kinder übernimmt, damit diese trotz der desolaten Zustände in den Schulen eine gute Ausbildung bekommen und sich auch einmal ein Eigenheim mit Garten, eine Familie und einen SUV leisten können.

Ich setzte mich aufs Sofa, schaltete den Fernseher ein und stellte auf den Sportkanal, genug laut, um die Salven und Detonationen aus der Spielkonsole zu übertönen. 

«Du immer mit deinem Fußball», sagte meine Frau und setzte sich mit zwei Gläsern zu mir: Apérol mit Eis und Mineralwasser, das gönnten wir uns jeweils vor dem Essen, ein kleines Ritual, das wir nur für uns zwei geschaffen hatten. Wir stießen an, dann schaute ich Sport, während sie mit einer Freundin auf WhatsApp chattete.

Plötzlich bewegte sich die Klinke an der Haustür, etwas kratzte im Schloss, dann klingelte es. Vor der Tür stand einer meiner Nachbarn, im Anzug sah er aus wie mein Spiegelbild. Er blickte mich erschrocken an, murmelte, er habe sich im Haus geirrt, und verschwand wieder.

Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer fiel mein Blick auf das Sideboard. Es war unser weißes Sideboard, da gab es keinen Zweifel, nur hatte ich unser Sideboard gestern erst eigenhändig zur Entsorgung gebracht. Nach einem halben Jahr hatten wir etwas Neues gebraucht, und nachdem ich das neue Möbel zusammengeschraubt hatte, eine Shabby Chic-Kommode mit sechs Schubladen in unterschiedlichen Farben, war ich mit dem alten Möbel und dem Verpackungsmaterial zur Entsorgung gefahren, wie ich es jede Woche ein- bis zweimal mache. – Aber da stand es wieder, unversehrt, darauf ein Schlüsselbund, den ich noch nie gesehen hatte, und wie ich etwas verwirrt zurück in den offenen Wohnraum ging, fiel mir auf, dass auch die Bilder in leicht anderer Anordnung an den Wänden hingen … Ich war im falschen Haus. – Deswegen die Post, die bereits auf dem Tisch lag, deswegen der Nachbar an der Haustür. Es war seine Haustür. Ich war im falschen Haus.

Ich musterte die Kinder, die sich an ihrer Spielkonsole durch ein Schlachtfeld mordeten, und merkte kaum einen Unterschied zu meinen. Die Frau in der Küche trug ein Oberteil, das auch meine Frau kürzlich über Zalando bestellt hatte. Eine Weile stand ich so da und überlegte, was ich tun sollte. Es wäre außerordentlich peinlich gewesen, die Situation jetzt aufzuklären, außerdem rief die Frau, die offensichtlich nicht meine Frau war, jetzt zu Tisch. Ich hoffte, dass beim Essen niemand etwas merkte, war deshalb wie auf Nadeln, starrte auf meinen Teller (es war dasselbe Service wie unseres) und sagte nichts. Aber es nahm auch niemand Notiz von mir, jeder redete für sich, ganz wie bei uns. Kaum waren die Teller ausgegessen, sprangen die Kinder vom Tisch, die Frau und ich trugen das Geschirr in die Küche, und endlich bot sich die Gelegenheit, mich unauffällig davon zu machen. «Ich bring den Müll raus», sagte ich, hob den Gebührensack aus dem Eimer unter der Spüle und ging aus dem Haus.

Draußen überprüfte ich die Hausnummer: Tatsächlich, es war die Nummer sieben, nicht die Drei. 

Schnell brachte ich den Müll zu den Containern vorne beim Parkplatz, während ich überlegte, wie ich meiner Frau, meiner richtigen Frau, die Verspätung erklären würde. Es fühlte sich seltsam an zwischen all den gleichen Häusern mit den erleuchteten Fensterfronten durchzugehen, hinter denen sich die gleichen Familienszenen abspielten. Schnell nach Hause. 

Ich checkte mehrmals die Hausnummer und hatte schon die Türklinke in der Hand, als ich innehielt. Etwas trieb mich, zuerst von außen einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Ich stellte mich ans Gartentor und sah durch das große Wohnzimmerfenster auch bei uns die gleiche vertraute Szene. Die Kinder stritten sich lauthals um die Fernseh-Fernbedienung, meine Frau saß am Computer und durchstöberte Verkaufsplattformen, und auf dem Sofa saß – ich.

Ich schreckte zurück, rieb mir die Augen, prüfte erneut die Hausnummer, schaute nochmals ins Wohnzimmer, aber da war er immer noch, der Mann auf dem Sofa, und schaute Fußball, einen roten Drink in der Hand. War es möglich, dass der Nachbar, der eben an der Sieben geklingelt hatte, sich am Ende einfach in die Drei, in meine Drei, geschlichen hatte und sich hier jetzt ausbreitete? 

Verwirrt und allein stand ich vor dem Haus. Nachbarn trugen überfüllte Abfallsäcke aus den Häusern, die letzten Kinder kamen von den Begabtenförderkursen.  

Mir kam der Gedanke, dass jemand sich mühelos einen Scherz daraus machen könnte, von Zeit zu Zeit die Hausnummern zu vertauschen. Möglicherweise, ja sehr wahrscheinlich, passierte es immer mal wieder, dass jemand das Haus verwechselte, auch ohne dass jemand die Nummern vertauschte, ja es geschah mit Bestimmtheit regelmäßig, es war gar nicht anders möglich, sodass hinter all den Fenstern mit Sicherheit längst nicht mehr überall die Leute saßen, die anfangs eingezogen waren, ja vermutlich kaum irgendwo. Aber immerhin waren sie in ihren Wohlfühloasen, im warmen Licht ihrer identischen Lichtsysteme. 

Ich hingegen fühlte eine totale Verlorenheit in mir aufkommen, ich war hinauskatapultiert aus all dem Glück, das aus jedem Haus in die Nacht hinausstrahlte. Ich musste etwas tun. Schließlich schüttelte ich die düsteren Gedanken ab und ging zurück zur Nummer sieben.

Aus dem Wohnraum Maschinengewehrsalven und die Übertragung des Fußballspiels. Ich atmete auf. Zuhause.

Die Frau fragte, wo ich so lange gewesen sei, und ich murmelte etwas Mehrdeutiges. Vielleicht war sie ja meine Frau, mit der ich irgendwann in der Nummer drei gewohnt hatte, oder diejenige, die ich vor zwölf Jahren geheiratet hatte, und vielleicht waren es meine Kinder, warum sollten wir nicht nach mehreren Wechseln wieder im gleichen Haus gelandet sein? 

Sie habe etwas bestellt, sagte meine Frau ungeduldig, was sie mit zeigen wollte: eine Kommode im Shabby Chic-Stil, mit sechs verschiedenfarbigen Schubladen. Anstelle des weißen Sideboards, das nun doch langsam überholt sei.
«Wann wird sie denn geliefert?», fragte ich.
In spätestens drei Tagen, sagte sie, und ich war froh, dass dann die Ordnung wieder vollständig hergestellt wäre.

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