Scheinland

Ich habe die Schränke abgesucht, das Bettzeug durchwühlt, ich habe mich bäuchlings unter das Bett gezwängt; hinter den Sesselpolstern habe ich nachgeschaut, mit der Taschenlampe zwischen den Kühlschrank und die Holzverkleidung geleuchtet, ich habe sogar die Kofferbank an die Wand geschoben und mich daraufgestellt, um hinter den Flachbildschirm sehen zu können. Gefunden habe ich einzig hinter dem Nachttisch eine zerknüllte Quittung über 450 Bath. Der Namen des Geschäfts ist auf Thai geschrieben: eine Tankstelle vielleicht, ein Supermarkt, ein Souvenirladen. Eine Quittung nur, keine Nachricht von ihr. 

Ich weiß nicht mehr, wann Marion die Sache mit den Nachrichten angefangen hat, wie sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, Zettel und zusammengefaltete Blätter an Stellen zu verstecken, wo das Hotelpersonal sie beim Reinigen übersehen könnte, kleine Grußbotschaften auf Englisch, Strichmännchen mit Sprechblasen, Eindrücke unserer Reise, irgendwann auch unsere Adresse in der Schweiz, Hinweise auf die nächsten Etappen, mögliche Treffpunkte, an die natürlich nie jemand gekommen ist, nicht in die Besucherzentren des Khao Yai und Phu Kradung Nationalparks, in die Ruinenstadt von Sukkhothai, zur Stadtsäule von Phitsanulok. 

«Wenn du sie so gut versteckst, dass das Zimmermädchen sie übersieht», habe ich einmal angemerkt, «dann ist es unwahrscheinlich, dass die nächsten Gäste sie finden.» 

Marion hat nur mit den Schultern gezuckt und weiter nach einem idealen Versteck gesucht. 

Aufgehört hat die Sache dann ganz plötzlich vor zwei Tagen in Phitsanulok. Wir haben abends im Riverside Hotel einen Film mit Leonardo di Caprio geschaut, in dem Rucksacktouristen wie wir an eine handgezeichnete Karte gelangen und sich auf die Suche nach einer geheimnisvollen Insel machen. Bevor sie losgehen, schieben sie eine Kopie der Karte anderen Touristen unter der Tür durch, als Sicherheit sozusagen, was sich dann aber als Riesenfehler entpuppt und in einem Blutbad endet. Nach dem Film hatte Marion plötzlich panische Angst, dass uns wegen ihrer Briefchen ein ähnliches Schicksal drohte. Deshalb war von da an Schluss mit den versteckten Nachrichten. 

Ich werfe die Quittung in den Papierkorb und lasse mich in den Sessel fallen. Auf dem Beistelltischchen neben dem Whisky-Glas liegen Landkarten, Reiseführer, Tickets und Vouchers für die Weiterreise durch Südthailand und Malaysia bis nach Singapur. Ich nehme ein Stück nach dem anderen in die Hand und lege es wieder hin. Von den Flugtickets nach Zürich ist nur noch meines da, sie muss ihres genommen haben, als sie gestern im Streit ihre Sachen gepackt hat und gegangen ist. 

Auslöser war einmal mehr die Sache mit der Familienplanung (nur schon dieses Wort!). Sie hatte erwartet, ich würde von selber daran denken, dass es wieder soweit war – mein Gott, ich kenne doch ihren Körper-Kalender nicht auswendig! –, und dann hatte ich an der Hotelbar noch etwas getrunken, einen Drink nur, ist ja lächerlich, aber sie hat gemeint, ich wolle gar kein Kind und täte alles, damit es nicht klappe. Dabei stimmt das gar nicht, ich will es nur nicht so zwingend, nicht so verkrampft wie sie, und das habe ich ihr dann auch gesagt: dass es wahrscheinlich nur deswegen nicht klappe, weil sie so verkrampft sei. Darauf hat sie mir einmal mehr vorgehalten, der Hauptgrund sei vielmehr, dass ich zehn Jahre lang geraucht und damit meine Spermien – und ihren Lebenstraum – ruiniert hätte. Ein Wort gab das andere, und als ich sagte, sie solle sich ihr Kind doch von einem anderen machen lassen, ist sie gegangen. Dabei habe ich das ja gar nicht so gemeint, und ich dachte, sie kommt eh nach einer Weile zurück, dann reden wir nicht mehr darüber, schlafen doch noch miteinander und alles geht seinen gewohnten Gang. Wo sollte sie auch hingehen, eine junge Frau allein in diesem Hexenkessel? 

Von hier oben wirkt die Stadt allerdings gar nicht wie ein brodelnder Hexenkessel, vielmehr dumpf, träge, grau. Sogar der ewige Lärm der Pickups, der Autos und gelben Taxis, das Rattern der Tuktuks und Motorräder dringt nur gedämpft ins Zimmer. Die Geschäftshochhäuser dösen im Dunstschleier, und das Hochtrassee der Metro scheint das wuchernde Gewirr von zwei- oder dreistöckigen Häusern fest am Boden zu halten. Irgendwo weit hinten liegt der Nightmarket, wo wir zu schriller Karaoke-Musik unter freiem Himmel Satay-Spieße gegessen haben, gestern noch. Dazwischen ziehen sich endlose Quartiere, Häuserreihen hinter Häuserreihen, jede Ausfahrtstraße mündet in eine weitere, hinter jeder Gasse folgt eine nächste, überall schrille Reklametafeln, Porträts von Kaiser Bhumibol, Garküchen, Tempelchen und unzählige überfüllte Ladenschläuche mit den immer gleichen Produkten. 

Die Buddhisten glauben, dass alles, was wir sehen und erleben, bloß Schein ist, Illusion, Einbildung; Maya nennen sie das. Ein Konzept, das uns Europäern eher fremd ist. Das glaubte ich zumindest. Wenn man aber zwei Wochen mit dem Bus durch das Land hier gefahren ist, drängt sich einem diese Sichtweise förmlich auf: zwei Wochen lang dieselben Plätze, dieselben Märkte mit denselben Waren, die gleichen bunten Leuchtreklamen, identische Bus-Terminals mit den gleichen Menschen, immer wieder dieselben Fahrer mit den gleichen Tuktuks – früher oder später beschleicht einen unweigerlich der Verdacht, das könne gar nicht real sein, sondern nur Einbildung, Illusion, Maya. 

Und seit wir hier sind, durchleben auch Marion und ich nur noch dieselben Routinen, führen die gleichen Streitgespräche um die immer gleichen Themen: unsere gemeinsame Zukunft, die Rolle ihrer Mutter in der Kinderbetreuung, Miete oder Kauf einer Wohnung, die Gästeliste für unsere Hochzeit. 

Aber genau genommen ist das nicht erst so, seit wir auf unserer Asien-Tour sind – ein letztes Mal noch große Abenteuerferien vor einem Leben als Familie mit Kindern –, eigentlich haben wir zuvor schon so gelebt, ohne es zu merken, und wir würden auch so weiterleben: Job, Familie, Routine, ein Tag wie der andere, ein Einfamilienhaus wie unzählige andere, ein Leben wie alle anderen. 

Das eindrücklichste Bild für diese Scheinhaftigkeit ist die Abfolge immer gleicher Hotelzimmer, in die wir uns jeden Abend zurückziehen. Beim ersten Aufenthalt in Bangkok vor zwei Wochen waren wir in einem Chinesenhotel gelandet, in Pak Chong dann in einer Pension, die so schmuddelig war, dass wir beschlossen, nur noch in besseren westlichen Hotels abzusteigen. Wo sich Hotelzimmer immer ein wenig ähneln, sind diejenigen dieser Hiltons, Riversides und Radissons so gut wie identisch: Schon die Einfahrt zum Hotel, die Grünanlagen und Pools sehen gleich aus, in der Lobby riecht es gleich, das Personal lächelt gleich, man bekommt dieselben Zimmerkarten, und in den Zimmern selber findet man dieselben Aufkleber, man solle Wäsche sparen, dieselben Klimaanlagen, dieselbe Bettwäsche, dieselben Fernseher, Teppiche und Lampen.  

Als ich klein war, hatte ich einen Zwerghamster. Beim Ausmisten seines Terrariums habe ich mir jeweils einen Spaß daraus gemacht, am Ende alles ganz neu einzurichten, das Häuschen etwa da hinzustellen, wo bisher das Rad war, die Spielzeuge, Röhren und Nagesteine gegen andere auszutauschen und mir dann vorzustellen, dass er das Gefühl haben müsse, an einen Ort zu kommen, wo er noch nie zuvor gewesen war. 

Genauso kommt es mir vor mit diesen Hotelzimmern. Wo schon die ganze Welt draußen Schein und Illusion ist, wer sagt mir denn, dass ich tatsächlich am Abend in ein anderes Zimmer an einem neuen Ort komme? Wer beweist mir, dass sie nicht einfach die Kulisse von Ayutthaya durch eine von Bangkok ersetzt haben, die sie in den nächsten Tagen gegen eine von Hua Hin, von Phuket oder Melakka auswechseln? So wie sie ein paar Möbelstücke austauschen, das Bett auf die andere Seite rücken und zufrieden lächeln, wenn wir uns beim Eintreten lobend über das neue Zimmer äußern. 

Marion fand den Gedanken absurd. Ich wollte wissen, warum, aber sie hat nur mit den Schultern gezuckt. 

«Dann kannst du also nicht erklären, warum es unsinnig sein soll», habe ich ihr vorgehalten.

«Wenn es immer dasselbe Zimmer wäre», hat sie schließlich gemeint, «müssten wir unsere eigenen Nachrichten der letzten Wochen wieder finden.» 

Also haben wir alles durchsucht. Erfolglos.
«Siehst du?», meinte sie triumphierend.
«Das beweist gar nichts», antwortete ich, «das Zimmermädchen war einfach zu gründlich.» 

Zuerst dachte ich, wenn Marion tatsächlich weg ist, vielleicht schon im Flieger nach Zürich sitzt, dann zerbröckelt das ganze Konstrukt von Maya, dem immer Gleichen, der Illusion des Wechsels. Aber mittlerweile, wie ich so auf das Bild der grauen Stadt hinunterschaue, wird mir bewusst, dass es nie aufhören wird. Wenn man einmal die Scheinhaftigkeit von allem erkannt hat, gibt es nichts mehr, woran man sich halten könnte. Die Zerrspiegel zerbrechen nicht, sie bieten höchstens ein anderes Bild, eine andere Illusion: eine ohne Marion, eine, die ausschaut wie Thailand, eine wie die Schweiz, eine mit Ehe, mit Familie, eine ohne. Man schreitet fort, wenn es auch einerlei ist, wie und wohin. Ob ich hierbleibe, ob ich den Zug nach Hua Hin nehme, von dort den Bus nach Phuket, ob ich das Flugticket umbuche und schon morgen Richtung Schweiz zurückfliege: Am Abend sitze ich ohnehin wieder in diesem selben Zimmer, mit einem billigen Whisky von irgendeinem Supermarkt um die Ecke, rede mit einer Frau, die ich mir vielleicht nur eingebildet habe, und suche nach Botschaften, die du mir in einem deiner Verstecke hinterlegt haben könntest.  

entwürfe. Zeitschrift für Literatur 86 (2/2018), S. 21-26

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