Erste Gedanken zu einem neuen Schreibprojekt
August 2026
KI als Psychologen, Doppelgänger oder religiöse Führer, Hologramme als Lebenspartner und Kinderersatz, virtuelle Abbilder von Verstorbenen – In einem neuen Schreibprojekt möchte ich der Frage nachgehen, was mit dem Menschen passiert, wenn digitale Technologien in existenzielle Bereiche des Lebens eindringen.
1816 erzählt E.T.A Hoffmann im «Sandmann» die Geschichte des Studenten Nathanael, der sich in eine mechanische Puppe verliebt, die sich bewegt und immerhin die Laute «Ach, ach!» äußern kann. Während Nathanaels Kommilitonen schnell erkennen, dass mit dieser Olimpia etwas nicht stimmt, fühlt sich Nathanael zum ersten Mal von jemandem wirklich verstanden. Er erbebte vor innerem Entzücken, wenn er bedachte, welch wunderbarer Zusammenklang sich in seinem und Olimpias Gemüt täglich mehr offenbarte; denn es schien ihm, als habe Olimpia […] tief aus seinem Inneren gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst herausgetönt. (E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. Stuttgart (Reclam) 1969, S. 36)
Was Hoffmann als Ausdruck einer geistigen Verwirrung darstellt und die Psychologie später mit dem Begriff der Projektion erklärt, ist heute Alltag: Wir chatten mit ChatGPT und anderen Sprachmodellen und blenden aus, dass es sich bloß um hochentwickelte Maschinen handelt, die nach komplexen Wahrscheinlichkeitsberechnungen und blitzschnellem Durchforsten unglaublicher Datenmengen Antworten liefern, die verblüffend menschlich klingen. Natürlich wissen wir, dass wir nicht mit einer realen Person kommunizieren, und können doch nicht umhin, wie mit einer solchen umzugehen – eine fast zwanghafte Zuschreibung menschlicher Empathie, die auch als ELIZA-Effekt bezeichnet wird. Nun mag das noch angehen, wenn man mit der KI einen Geschäftsbericht verfasst, für ein Thema recherchiert oder Alltagsdialoge in einer Fremdsprache simuliert. Was geschieht aber, wenn digitale Technologien in zentralere, in existenzielle Bereiche unseres Lebens eindringen? In Sinnfindung und Religion, in zwischenmenschliche Beziehungen oder in den Umgang mit Sterblichkeit und Tod?

Was nach Science-Fiction klingt, gibt es alles bereits: 2020 machte in Korea der Fall einer Mutter Schlagzeilen, die sich erst mithilfe von Virtual Reality von ihrer verstorbenen Tochter verabschieden konnte. 2024 sorgte ein «Virtueller Jesus» in der Luzerner Peterskapelle für Aufsehen, in Japan leben bereits Tausende junger Männer in symbiotischen Beziehungen mit Hologrammen. Firmen, die KI-Applikationen für psychologische Beratung, spirituelle Führung, Trauerbewältigung oder ein virtuelles Weiterleben nach dem Tod anbieten, überfluten das Internet.
Die Thematik um Virtualität und Simulation hat mich immer wieder beschäftigt, zuerst in «Westlake Haven», wo Menschen nach ihrem Tod in der gleichnamigen Plattform eine virtuelle Existenz führen und die Grenzen zwischen Simulation und Realität zunehmend verschwimmen. Dann in der Erzählung «Wucherungen», wo das ganze Beziehungsnetz des Protagonisten in sich zusammenfällt, bis ihm als Gegenüber nur noch eine sogenannte «Gatebox», eine holografische Anime-Figur bleibt. Oder in der Kurzgeschichte «Spiegelwelt», einer modernen Form der Pygmalion-Sage, in der ein verlassener Geliebter sich aus Foto- und Videoschnipseln ein virtuelles Abbild seiner Freundin schafft. In diesen Texten geht es immer um die Simulation zwischenmenschlicher Beziehungen, um virtuelle Figuren, die reale Menschen ersetzen sollen. Auch diesen Aspekt möchte ich im neuen Schreibprojekt nochmals vertiefen, das Hauptaugenmerk aber auf zwei andere Anwendungsbereiche von digitalen Technologien richten: zum einen Angebote zur Sinnfindung, von psychologischer oder spiritueller Seite her – Lebensberatung durch Chatbots, KI-Zwilling zur Selbstoptimierung, «AI Jesus», «Quran-GPT», KI-gestützte Seelsorge und Ähnliches. Zum anderen Applikationen, mit denen ein virtuelles Abbild von Verstorbenen erstellt wird oder mit denen eine Person zu Lebzeiten für die Angehörigen ein solches erstellen lässt. Diese «Griefbots» können eine verstorbene Person simulieren, auf der Grundlage des eingegebenen Datenmaterials. – Der transhumanistische Traum, mittels Technik den Tod zu überwinden.
Bei meinem neuen Projekt möchte ich näher an der Realität bleiben als in bisherigen Texten, mich dem Thema zuerst «journalistisch» annähern, Fallstudien, Dokumentationen, Filme und Reportagen konsultieren. Später sollen daraus dann zwei oder drei literarische Texte entstehen, die ich im Moment einmal als Novellen bezeichne. Dabei soll aber nicht eine feststehende These einfach in individuelle Geschichten gepackt werden. Vielmehr soll das Schaffen von Geschichten selbst zum Erkenntnisprozess werden, indem ich Figuren in eine Szenerie setze und mitverfolgen, wie sie sich entwickeln, was sich Unerwartetes ergibt, wie sie abdriften und wohin.

Einen methodischen Gedanken möchte ich an dieser Stelle noch festhalten, einen Ariadnefaden für den geplanten Gang durch das digitale Labyrinth. Ich möchte nämlich eine zweifache Spiegelung anwenden, d.h. nicht nur die beschriebenen Phänomene der virtuellen Welt und ihre Auswirkungen untersuchen, sondern sie als Spiegel für die entsprechenden Phänomene in der realen Welt nutzen und umgekehrt: Die virtuelle Welt wird also zunächst zum Spiegel der realen – und die Erkenntnisse über die reale Welt anschließend wieder zum Spiegel der virtuellen. So lassen sich etwa anhand von virtuellen Liebesbeziehungen die Probleme realer Beziehungen betrachten, anhand der Verwendung von Avataren Verstorbener unsere Schwierigkeiten im Umgang mit Sterblichkeit und Tod, anhand neuer spiritueller Angebote Einblicke in spirituelle Sehnsucht und Leere des modernen Menschen gewinnen. Ich bin überzeugt, dass diese erste Spiegelung eine neue Sichtweise auf scheinbar Bekanntes ermöglicht, vielleicht sogar eine Entmystifizierung.
Zum ersten Mal ist mir der Erkenntniswert eines solchen Vorgehens in einem anderen Zusammenhang richtig deutlich geworden. Auf die Frage, wie es KI schafft, etwas so Komplexes wie die menschliche Sprache so überzeugend zu imitieren, kommt der Wissenschaftler Stephen Wolfram zum überraschenden Schluss, dass sinnvolle menschliche Sprache tatsächlich viel strukturierter und einfacher ist, als wir bisher wussten – und es am Ende ein paar recht einfache Regeln geben könnte, die beschreiben, wie eine solche Sprache zusammengesetzt werden kann. (Stephen Wolfram: Das Geheimnis hinter ChatGPT. Wie die KI arbeitet und warum sie funktioniert. Frechen 2023.) Seine Methodik: Er wirft den Blick von der KI zurück zur menschlichen Sprache und stellt mit seiner Antwort die implizite These, dass Sprache etwas ungemein Komplexes sei, in Frage.

Diese Methode könnte man auf viele andere Phänomene anwenden: Funktioniert die menschliche Fantasie wirklich grundlegend anders als KI? Schaffen wir nicht auch einfach nach Mustern neue Kombinationen, nur viel unsystematischer und auf Basis einer viel beschränkteren Datengrundlage?
Sind Mitmenschen und Lebenspartner nicht jetzt schon häufig eine Projektionsfläche, die unter Umständen so gut eingerichtet ist, dass wir, wie Hoffmanns Nathanael, glauben, die eigene Stimme aus dem Gegenüber zu hören? Haben wir nicht schon längst verlernt, mit dem Tod umzugehen, und suchen seit jeher nach Mitteln, mindestens eine Zeitlang den Verlust eines geliebten Menschen zu negieren, flüchten uns in Erinnerungen, Bilder, Videos? Diese neuen Erkenntnisse und Thesen lassen sich nun erneut auf die virtuelle Welt zurückspiegeln. Ich kann mir vorstellen, dabei zum Schluss zu kommen, dass KI und VR gar nicht so revolutionär neu sind, kein Paradigmenwechsel, nur eine Steigerung von bereits Vorhandenem.
Die Erkenntnisse aus dieser doppelten Spiegelung können teils unangenehm, ja schmerzhaft sein, eine Leere eröffnen, aber ich glaube, dass dahinter etwas zum Ausdruck kommt, was man als «das Menschliche» schlechthin verstehen kann, die existenziellen Grundprobleme, die Frage nach dem Sinn unseres Daseins, nach dem richtigen Handeln, nach dem Umgang mit dem Tod – dieses ewige Strampeln in unserer Existenz. Das würde heißen, dass die Neuerungen von KI und VR den Menschen nicht in eine neue Entwicklungsstufe stoßen, sondern ihn zwingen, sich mit Aspekten zu beschäftigen, die er eigentlich ausblenden möchte, ja dass er gerade im Ausblenden, im scheinbaren Überwinden am Ende wieder auf das Menschsein zurückgeworfen wird –
