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Marc Späni

12/14/2025

Der Problemwolf (Text und Audio)

In einem Gebiet, wo man sich früher Geschichten von wilden Waldleuten erzählte, trieb seit einiger Zeit ein Wolf sein Unwesen. Er riss reihenweise Schafe, schlug offenbar auch Herdenschutzhunde in die Flucht, mehrmals drang er sogar in Ställe ein und töte dort das Vieh. So wurde er schliesslich, entgegen den Einsprüchen von Umweltverbänden, zum Abschuss freigegeben. Darauf hatte die örtliche Jagdgesellschaft nur gewartet, doch erst als es dem kantonalen Wildhüter nach mehreren Anläufen nicht gelang, dem Problemtier den Garaus zu machen, durften die lokalen Jäger ran, und sie rückten ein, als ginge es zum Letzten Weltkrieg, mit Tarnausrüstung, Nachtsichtgeräten, Zielfernrohren und kistenweise Munition. Sie richteten sich in ihren Ständen ein und feuerten was das Zeug hielt, sobald sie den Wolf sahen oder zu sehen glaubten, doch auch wenn an gewissen Orten ganze Baumbestände von Kugeln durchsiebt wurden und der Bleigehalt des Bodens bedenkliche Ausmasse annahm, der Wolf tauchte kurz darauf wieder auf, unbeschadet. Ja, er wurde sogar immer dreister: Schon sah man ihn in der Nähe des Dorfs, später an der Tankstelle, schliesslich spazierte er ruhig über den Dorfplatz, unter den Augen der Jagdgesellschaft, die in der Dorfbeiz ihr Versagen mit wilden Geschichten zu rechtfertigen versuchten. Bald kursierten in den Medien Fotos des Tieres, das sich am Dorfbrunnen labte, und zwar nicht etwa aus dem Trog, sondern direkt vom Rohr. 
Auf der Gemeinde meldete sich kurz darauf ein Mann, der sich als Spezialist für derartige Wildprobleme ausgab und zu wissen glaubte, wie man den Wolf zur Strecke bringen könne. Da es sich offensichtlich um ein übernatürliches Wesen handle, könne man es nur erlegen, wenn man eine besondere Kugel durch das Holz eines Sarges hindurch abschiesse. Natürlich nahm man ihn nicht ernst, aber da er sich eine Jagdlizenz erwarb, konnte man ihn auch nicht auslassen, auch wenn er, zum Gespött der anderen Jäger, in eigentümlich altmodischer Jagdmontur und mit einer Antiquität von Jagdflinte auftauchte. Auch ein altes, morsches Brett hatte er dabei.
Man war im Fokus der Medien, es ging um die Ehre des Dorfs, und so entschied man sich, da der Wolf jetzt regelmässig den Dorfbrunnen aufsuchte, dort, auf dem Dorfplatz, müsse die Sache medienwirksam ihren Abschluss finden. Am folgenden Abend stellte sich neben der Bäckerei das Exekutionskommando auf, einer neben dem anderen, in drei Reihen, Lauf neben Lauf, und wartete, den Blick auf den Brunnen gerichtet. Ganz am Rand lag der Kerl mit dem Holzbrett. Der kleine Rest des Dorfs, der nicht zur Jagdgesellschaft gehörte, Frauen, Kinder und Betagte, stand hinter den dunklen Fenstern der umliegenden Häuser, mit angehaltenem Atem und gezückten Handys. 
Und da kam der Wolf, als hätte er es nur gewartet, bis alles bereit war. Spazierte auf leisen Pfoten die Hauptstrasse herunter, ein altes Tier mit dunklem Fell, schaute mit müden Augen in die drohenden Mündungen. Einen Augenblick war es noch totenstill, dann eröffneten alle gleichzeitig das Feuer, ein ohrenbetäubendes Knallen füllte den Platz, man feuerte aus allen Rohren und erst nach einer guten Minute war es wieder still, nur von der gegenüberliegenden Fassade stürzten noch Stein und Verputz auf den Platz. Als sich der Pulverstaub verzog, ging als erster der Gemeindepräsident zum Brunnen, gefolgt vom Präsidenten des Jagdverbands und den Ältesten unter den Jägern. Ja, sie hatten ihn erlegt. Nur lag da neben dem Brunnen kein Wolf, sondern ein Mensch, ein bärtiger, behaarter, kräftiger, sehniger Mann – von einer einzigen Kugel mitten ins Herz getroffen. Eine betretene Stille legte sich über den Dorfplatz, einer nach dem anderen warf einen Blick auf den Waldmenschen und zog dann leise und verschämt ab. In den Häusern wurden die Vorhänge gezogen. 
Von da an war Ruhe, die Schafe wurden nur von normalen Wölfen gerissen, die dann auch regelmässig abgeschossen wurden, um neuen Platz zu machen. Hinter verschlossenen Türen oder in der Dorfbeiz, wenn die Einheimischen unter sich waren, spekulierte man am Anfang noch darüber, was den Waldmenschen bewogen hatte, sich vor die Waffen zu stellen, ob er sich hatte töten lassen, weil er in der modernen Welt keinen Platz mehr hatte, ob die Jäger richtig gehandelt hätten oder vielleicht sogar als Auftragskiller ausgenutzt worden seien. Bald aber redete niemand mehr darüber. Nur die Kantons- und Bundesbehörden waren über Monate und Jahre mit der Frage beschäftigt, ob der Abschuss eines jahrhundertealten Waldmannes ein Fall für das kantonale Amt für Jagd und Fischerei, das ethnologische Institut der Universität oder die Staatsanwaltschaft war. 

Audio-Version auf Youtube

Im Sommer 2021 bin ich in der Ferienwohnung, die wir in Arosa gemietet hatten, auf einen Band mit Bündner Sagen gestossen (Sagen der Schweiz / Graubünden, hg. von Peter Keckeis, Zürich 1995). Daraus ist eine kleine Sammlung eigener Sagen entstanden: Das Totenvolk, Das verlassene Gasthaus, Über den Regenbogen, Die unbarmherzigen Schwestern, Die Zaubergeige, Ein Haus der Freude, Der Totenkopf in der Kirche, Das Schildkrötenmädchen und Der Problemwolf.

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Audio, Erzählung, Hörbuch, Kurzgeschichte, Literatur, Marc Späni, Sage, Schweizer Literatur, Waldmensch, Wolf
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