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Marc Späni

10/29/2026

Ein Geflecht von Fiktion und Realität – Über meine Erzählung «Ein Endlager für Pontius Pilatus»

Zweieinhalb Jahre nach «Putins kleiner Finger» erscheint nächstes Jahr meine Erzählung «Ein Endlager für Pontius Pilatus». Wie schön, wieder einmal ein eigenes Buch in der Hand zu halten, damit an die Öffentlichkeit zu treten und mit Leserinnen und Lesern zu diskutieren! Schön ist es auch, für die Vorbereitungsarbeiten in diese Parallelwelt zurückzukehren, in die ich für die Zeit des Schreibens eingetaucht war: in die fiktionale Welt der frühen Neuzeit mit ihren Sagen, Legenden, Chroniken und Osterspielen, aber auch in die Erinnerung an reale Situationen wie das Studium von Cysats Notizen in der Zentralbibliothek Zürich, eine Wanderung zum legendären Pilatussee, die Suche nach Cysats Porträt im Katalogsaal der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern oder die Lektüre eines jurassischen Zauberbuchs während einer Zugfahrt durchs Mittelland.

Wanderung zum Pilatussee im Frühling 2024.

Der Titel der Erzählung steckt die zeitlichen Eckpunkte einer labyrinthischen literarischen Reise ab: auf der einen Seite die römische Antike mit der Figur von Pontius Pilatus, auf der anderen die Gegenwart mit der erneuten Diskussion über den Ausstieg aus der Kernenergie. Aber was hat der römische Statthalter Pilatus mit der Frage nach der Endlagerung radioaktiver Abfälle zu tun? – Pontius Pilatus ist gewissermaßen der Prototyp gefährlicher Abfälle, und die Entsorgung seiner Leiche das erste Sondermüllproblem der westlichen Welt, der Moorsee im Pilatusgebiet das erste Endlager.

»Da man ihn begrub«, so der Chronist, »fuhren die Teufel zu ihm und warfen das Erdreich auf, und es war ein großes Ungewitter, denn das Erdreich wollte ihn nicht leiden.« Es ist anzunehmen, dass spätestens jetzt der Ruf nach einer nachhaltigeren Lösung laut wurde, nach einem Endlager weit weg von jeglicher Zivilisation. (Endlager, S. 51)

Der Weg des kontaminierten Leichnams (die Legende hat mir ein Freund auf einer Wanderung im Alpstein erzählt, ich glaube, es war kurz nach meinem dreißigsten Geburtstag) führt von Rom über Venedig und Lausanne bis zum Pilatussee im Luzernischen Hinterland und weist frappante Parallelen zum Umgang mit radioaktiven Abfällen im 20. Jahrhundert auf.

Eine erste Erkenntnis bei der Entwicklung einer Sondermüllstrategie: Unter dem Boden ist besser als im Wasser, ganz im Sinne des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, der 1955 meinte: »Was den Atommüll betrifft, so genügt es, ihn in einer Tiefe von drei Metern zu vergraben, um ihn vollkommen unschädlich zu machen.« Vielleicht hätte Heisenberg besser Fründs Luzerner Chronik studiert. (Endlager, S. 51)

Die Haupthandlung der Erzählung spielt allerdings nicht in der Antike, sondern an einen Sommertag im Jahr 1585. Renward Cysat, der berühmte Stadtschreiber von Luzern, einflussreicher Politiker und Verfasser monumentaler Osterspielen, inszeniert am kleinen Moorsee eine eigentümliche Zeremonie. Vor Ratsherren und Patriziern will er einen Glauben widerlegen, dass der Geist von Pontius Pilatus dort oben sein Unwesen treibe und für Stürme und Unwetter verantwortlich sei.

Der Handlungsstrang am Pilatussee wird von anderen Geschichten durchflochten. Schon auf dem Hinweg erzählen sich die einfachen Leute derbe Schwänke, Spuk- und Schauergeschichten, vom schwarzen Jäger, von den Erdmännlin, den Teufelspferden und von der Verbrennung einer Hexe. Stadtpfarrer Müller berichtet derweil von seiner Pilgerreise nach Jerusalem im Vorjahr. An anderer Stelle wird die Geschichte von Pilatus anhand von Szenen eines Osterspieles geschildert.  

Aber der Kapellplatz ist für zwei Tage nicht der Kapellplatz, er ist die Welt, der ganze orbis terrarum, vom Höllentor an der Nordostecke bis zum Himmel schräg gegenüber bei der Peterskapelle, von Rom bis zum Heiligen Land. (Endlager, S. 33)

Besonders interessant wird es, wo Geschichten und Realität sich nicht nur durchmischen, sondern sich gegenseitig beeinflussen: wo die Luzerner Regierung etwa auf Grundlage einer mittelalterlichen Chronik ein Verbot ausspricht, den See zu besuchen, und Leute inhaftiert, die sich nicht daran halten, wo Cysat die Legende zu widerlegen versucht und sogar den See abgraben lassen will – und damit nicht nur neue Geschichten schafft, sondern auch neue Realitäten, etwa ein aufkommendes touristisches Interesse an diesem Unort, und das schon Ende des 16. Jahrhunderts!  

Handschriftlicher Plan von Renward Cysat für das Osterspiel 1583.

Ich liebe die Erzählwelt des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Sie begleitet mich schon, seit ich mich im Germanistikstudium auf mittel- und althochdeutsche Literatur spezialisiert hatte. Ich schrieb meine Dissertation über den barocken Schelmenroman und landete später in einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Uni Fribourg, studierte sogar an einer Habilitation herum. Den wissenschaftlichen Zugang empfand ich allerdings immer als sehr einengend. Als Autor habe ich sehr viel mehr Freiraum: Ich kann nach Belieben meine Quellen aussuchen und miteinander verknüpfen, sie verändern, ergänzen, ja eigene Quellen erfinden und sie neben existierende stellen. So hat mir etwa das Verfassen von Szenen eines Osterspiels, das es so nie gab, großen Spaß gemacht, ebenso Cysats Beschwörung des Geistes am Pilatussee oder die filmische Beschreibung der römischen Expedition, die auf einem Floß den Sarkophag durchs Mittelland transportiert, nachts, im Nebel, durch das Stammesgebiet wilder Eingeborener.

Nachts starren die Wachen vergeblich ins Dunkel, trotz der nächtlichen Kühle schweißnass, und bei jeder Welle, die an das Floß schlägt, schrecken die Schlafenden schreiend aus Angstträumen hoch. (Endlager, S. 60)

Die Erzählung erscheint bei Anselm Freder. Diesen Verlagsnamen googelt man vergeblich: Es handelt sich um keinen klassischen Verlag, sondern um ein Label, unter dem ich eigene Texte publizieren möchte. Nach fünfundzwanzig Jahren Schreibarbeit bin ich in der komfortablen Position, aus einer ganzen Reihe von Manuskripten aussuchen zu können: Welche schicke ich an Agenturen und Verlage, welche publiziere ich unter meiner Hausmarke selbst. Selfpublishing hat zwar noch immer einen schlechten Ruf und wird oft mit schlechter, laienhafter Schemaliteratur assoziiert. Zweifellos gibt es aber auch Texte von hoher literarischer Qualität und sorgfältiger Gestaltung, die sich keinem Verlagsprogramm fügen wollen und deshalb im Eigenverlag publiziert werden. Mit «Ein Endlager für Pontius Pilatus» möchte ich den Beweis dafür erbringen. Das Buch erscheint am 1. Februar 2027.

marcspaeni
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