(Dieser Post ist am 20. Juli 2024 auf www.swissscifi.blog erschienen)
Künstliche Intelligenz soll Menschen, die literarische Texte schreiben oder übersetzen, irgendwann ersetzen? – Ich teile diese Befürchtungen nicht. Es ist auch keine Frage der Zeit, sondern liegt meines Erachtens im Wesen der KI, die immer nur nachahmt, sich aus Bestehendem bedient, es neu vermischt und – so gut sie das auch macht – letzten Endes nur Wiedergekäutes ausscheidet. Nun könnte man natürlich einwenden, dass auch das menschliche Hirn, wenn man es ganz nüchtern betrachtet und die Romantik des Genie-Gedankens mal beiseitelegt, nicht anders arbeitet. Das mag schon sein, und doch haben wir Menschen etwas, was keine KI hat: eine individuelle Geschichte, persönliche Erfahrungen, eine Vorstellung dessen, was wir schreiben und übersetzen, innere Bilder, Erinnerungen, Assoziationen, ein Gefühl für Sprache, kurz: ein Bewusstsein. Das hat keine KI und wird auch nie eine haben.(1)
Aber ich verteufle die KI auch nicht, nein, ich mag sie eigentlich, sie fasziniert mich, und ab und zu greife ich sogar selbst darauf zurück. Nicht als Ideen-Generator oder um unbeholfene Formulierungen glattzuschleifen, sondern als eigenständiges Kunstmittel. Und zwar gerade wegen ihrer Imperfektion, wegen ihrer Sterilität und ihrer Blindheit gegenüber jeglichem Sinn einer Geschichte.
Erste Erfahrungen habe ich vor ein paar Jahren beim Konzipieren einer multimedialen Lesung gemacht. In einem Dialog unterhält sich der Protagonist, kurz nach seinem biologischen Tod und dem Transfer in eine virtuelle Welt, mit seinem psychologischen Betreuer, Dr. Cole. (Corona Magazine 10/2015). Für letzteren bastelte ich ein Deep-Fake auf der Basis eines Fotos von Sigmund Freud, und so trat Dr. Cole dann mit meiner Stimme und ganz passablen Mundbewegungen als mein Dialogpartner auf. Der Effekt: komisch, aber auch etwas gruselig.

Vor einem Jahr nun habe ich die Science Fiction-Novelle «Captain Wutzows Romanmaschine», die ich vor vielen Jahren geschrieben hatte, aber nie publizieren konnte, mithilfe von DeepL ins Englische übersetzt und bei englischsprachigen Magazinen eingereicht. In der Geschichte geht es um maschinell generierte SF-Literatur, sodass mir die Verwendung eines Übersetzungsprogramms ganz passend erschien. Das Ergebnis ist (soweit ich das als Nicht-Anglist beurteilen kann) sperrig, hölzern, eben künstlich. Ausserdem brauchte es doch noch den einen oder anderen Eingriff, damit am Ende alles verständlich war.
Die Herausgeber des amerikanischen SF-Magazins «Amazing Stories» hatten offenbar Spass an meinem Experiment. Dort erscheint der 30-seitige Text Anfang August unter dem Titel «The Novel Machine», mit der Vorbemerkung, der Text simuliere, wie eine von KI generierte Literatursprache klingen könnte.
«Amazing Stories» erstellt von allen Texten Audiobooks – ebenfalls mit KI. Ich hatte meine Zweifel, ob die mit den Eigenheiten meines Textes klarkommen würde, und kreierte selbst eine Audio-Version mithilfe von Narakeet. «Nelsen (British English)» klingt für eine kurze Passage in neutralem Erzählton ganz überzeugend, mit der Zeit ist seine Sprachmelodie aber enervierend stereotyp, es fehlt jede Emphase, jedes Gefühl, jede Textinterpretation – ideal also für die Lesung eines maschinell übersetzten Textes. Am Ende sass ich dann aber doch fast drei Tage am Audio-File, um die schlimmsten Aussprachefehler auszumerzen, missverständliche Passagen neu zu generieren und am Ende ein Produkt zu haben, das zwar künstlich klingt, aber doch verständlich ist. (Besonders knifflig war es, die deutschen und schweizerischen Namen so ins Skript zu schreiben, dass die auf English getrimmte KI sie halbwegs korrekt lesen konnte: Toorgow, Dee Tsyte, Noye Zurcher Tsytung, Doycher Ferlagh, Frootvilen oder Shpainy).
Marc Späni: The Novel Machine. A Science Fiction Short Novel. In: Amazing Stories, ab 29. Juli für Abonnenten auf https://www.patreon.com/amazingstoriesmag, ab 5. August frei zugänglich.
1. Das hoffe ich zumindest. Die Flut juristischer, praktischer und ethischer Probleme, die mit der Schaffung einer solchen auftauchen, wäre erdrückend (vgl. Marc Späni: Westlake Haven. Ron Kramers Geschichte. Eine Chronik der virtuellen Welt. Nicht publiziert).
