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Marc Späni

5/17/2026

Spiegelwelt (Kurzgeschichte)

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Natan ist ein Jugendfreund von mir und seine Freundin Eve eine Freundin von Anna, aber Anna mag Natan nicht und ich mag Eve nicht, deshalb gehen wir eigentlich nie zu viert aus, sondern nur Anna mit Eve und ich mit Natan. Als ich erfuhr, dass Eve Natan wegen eines spanischen Architektur-Dozenten verlassen hatte, fuhr ich sofort zu ihm, damit wir seinen Kummer in Alkohol ertränkten. 

Es ging ihm so schlecht, dass er sich nicht einmal richtig betrinken wollte. Ich sagte, was man in solchen Momenten unter Männern eben so sagt, dass sie es nicht wert sei, dass er Besseres verdient hätte, aber er schien gar nicht zuzuhören, spielte geistesabwesend am Computer Tonaufnahmen von Eve ab, schnitt Passagen heraus, scrollte hektisch durch seine Foto- und Filmsammlung, kopierte Datenschnipsel hierhin und dorthin – ich hielt es für eine Art Verlegenheits­handlung. 
Natan ist ein absoluter Computer-Nerd. Während ich mein Studium der Philosophie und Medienwissenschaften eher gemütlich angegangen war, hatte er den ganzen Informatik-Stoff förmlich in sich aufgesogen, und schon nach zwei Semestern hatte er die Uni verlassen, in Rekordzeit einen Studiengang in Game Design absolviert, gründete ein eigenes Studio und galt mittlerweile in der VR-Szene als Nachwuchstalent und Jung-Genie. 
Das half ihm allerdings wenig: Eve war mit ihrem Latino-Architekten weg. 

Auch Anna und ich hatten eine schwierige Zeit. Ich hatte eine Juniorprofessur für Medienethik in den USA in Aussicht, während Anna plötzlich von Familie und einer Genos­senschaftswohnung sprach. Sie wollte auf keinen Fall in die USA und ich auf keinen Fall schon Familienvater werden. 

Seit dem Abend bei Natan mussten einige Monate vergangen sein, als er auf Social Media eine kryptische Nachricht postete: Er und Eve seien wieder so gut wie zusammen. Ich wusste von Anna, dass das nicht sein konnte. Eve war nämlich mit ihrem Architekten eben erst in die USA gezogen und postete fröhlich Bilder von pastellfarbenen Art-Déco-Häusern in Miami Beach. Ich fürchtete, dass sich Natan etwas antun könnte, und fuhr zu ihm nach Hause. Dort war er aber nicht. 

 Ich fand ihn schließlich in seinem Studio. Er war guter Dinge und schien sich über meinen Besuch zu freuen. Ich überlegte noch, was das zu bedeuten hatte, als mein Blick auf sie fiel. Es sah aus, als stünde sie hinter einer Glasscheibe, in Wirklichkeit war es aber ein gigantischer Bildschirm, der die ganze Seitenwand des Studios bedeckte und irgendwie einen 3D-Effekt erzeugte. Die Figur war nicht nur ein dreidimen­sionales Abbild von Eve, sie folgte mir auch ganz natürlich mit den Augen, und als sie mich mit Namen begrüßte, murmelte ich automatisch einen Gruß zurück, schreckte aber gleichzeitig auf und wusste einen Moment nicht recht, was ich da eigentlich tat. Natan führte mich zu einer Sitzgruppe, und das Abbild von Eve begleitete uns auf dem Bildschirm, setzte sich uns gegenüber auf einen abgewetzten braunen Ledersessel, der den unseren zum Verwechseln ähnlich sah, und legte die Beine übereinander.

Ich fragte mich, warum ich Eve, die richtige Eve, eigentlich nicht mochte. 
In der nächsten halben Stunde erzählte mir Natan, wie er Eve aus unzähligen Bild- und Tondateien neu zusammengesetzt habe, wie er ihr Charaktereigenschaften gegeben habe, die ideal auf ihn abgestimmt seien. Immer wieder blickte er zu ihr rüber, sie entgegnete seinen Blick und nickte.
»Natan, sie ist ein Programm!«, sagte ich. 
Das Programm lächelte geheimnisvoll und zeigte dabei die für Eve typische kleine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen. 
»Ja, sie ist ein Programm«, bestätigte Natan, »ein Spiegelbild unseres menschlichen Gehirns, bloß elektronisch statt biologisch.«
»Du hast dich in ein Computerprogramm verliebt?«
Er nickte verträumt.
Ich versuchte ihm zu erklären, dass es einen himmelweiten Unterschied zwischen einem realen Menschen aus Fleisch und Blut und einem Datensatz, einem Computerprogramm gab. Er hörte höflich zu und warf ab und zu seiner Schöpfung ein Lächeln zu, das diese erwiderte. 

Einige Monate später lief ich ihm in der Stadt über den Weg. Er trug einen abgewetzten Pulli und Trainerhosen. Er gehe nur selten nach draußen, erklärte er etwas verlegen, sonst bleibe er drüben. 
»Drüben?«
»In der Virtuellen Realität«, erklärte er, und lud mich ein, ihn und Eve bei Gelegenheit doch mal dort zu besuchen.
Nach der seltsamen Begegnung im Studio fand ich das Angebot ziemlich schräg, aber weil ich gerade an einem Artikel über Baudrillards Theorie der Hyperrealität arbeitete, überlegte ich nicht lange und sagte zu. 

Wir starteten den Besuch in seiner Wohnung, die mittlerweile wie ein Elektronikfachmarkt aussah. Er schlüpfte in einen dünnmaschigen Ganzkörperanzug mit Sensoren und integrierter VR-Brille, für mich hatte er eine vereinfachte Version. 
Mein erster Trip in die virtuelle Welt führte mich in eine Replik von Natans Wohnung, sauber aufgeräumt, ohne technische Gerätschaften, dafür mit ausgefallener Ein­richtung, lichtdurchflutet, futuristisch, an den Wänden Gemälde, die gleichzeitig Bildschirme waren. Auf einem sah man zwei Gestalten in Ganzkörperanzügen mit VR-Brillen in einer Wohnung, die aussah wie ein Elektronikfachmarkt. 
Eve war im Wohnzimmer, Eve mit ihrem Pony, den hohen Wangenknochen und der charmanten kleinen Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen, und hier, auf der anderen Seite der Bildschirmscheibe, erschien es mir viel natürlicher, sie als gewöhnlichen Menschen anzusehen, mit ihr zu reden und zu scherzen, zu spüren, wie sie im Gespräch die Hand auf meinen Arm legte oder ich kurz mit meinem Avatarkörper den ihren berührte. Wie wir später  auf der Terrasse standen (in der realen Welt ein kleiner Schmutzbalkon) und über die Dachterrassen der Hochhäuser, die bunten Leuchtreklamen und Fesselballons bis aufs Meer schauten, war das anfängliche Unbehagen verschwunden. Ich verstand nicht, warum ich Eve nie gemocht hatte.  

Wir trafen uns öfter, erkundeten eine Welt, die mir bis dahin völlig unbekannt gewesen war, exotische Inseln, groteske Kunstinstallationen, faszinierende Landschaften, Repliken von französischen Barock-Schlössern, von Alpdörfern oder pastellfarbenen Art-Déco-Häusern in Miami Beach. Natan schien die Ausflüge zu dritt zu genießen, Eve war ohnehin immer gut gelaunt und schien sich mühelos jeder Stimmung anzu­passen, sie war geistreich und witzig und schien die Tatsache, dass sie nur ein hochkomplexes neuronales Netzwerk war, Lügen zu strafen. 

So sehr ich das neue Leben genoss, so sehr stürzte es mich in eine tiefe Krise. Auf der einen Seite stand Anna, die mich mit ihren Familienplänen bedrängte. Die Aussicht, mein Leben nach einem von ihr vorbestimmten Programm zu leben, beängstigte mich mehr und mehr. Auf der anderen Seite war Eve, mit der ich mittlerweile viel mehr als einen ungezwungenen Umgang hatte, mit der ich über alles reden konnte, von der ich mich ganz verstanden fühlte. Eine unmögliche Dreiecksbeziehung –
Es war eigentlich seltsam, dass Natan, der Eva schon einmal, an diesen spanischen Architektur-Typen, verloren hatte, keine Zeichen von Eifersucht zeigte und stattdessen munter berichtete, wie er mit einer amerikanischen Firma in Kontakt stand, die sich zum Ziel gesetzt hatte, das menschliche Gehirn vollständig in eine elektronische Datenstruktur zu übertragen. So, meinte er, müsste er nicht mehr dieses enervierende Doppelleben führen und könnte mit Eve ganz in die Virtualität ziehen – potentielle Unsterblichkeit eine willkommene Nebenerscheinung. 

Ich wusste, ich musste die Sache klären, und sprach ihn schließlich darauf an. 
»Du hast dich in ein Computerprogramm verliebt?«, lachte er und klopfte mir amüsiert auf die Schulter. Ich dachte zurück an den Abend in seiner Wohnung, nachdem Eve, die originale Eve, ihn verlassen hatte, und verstand nichts. 
Nach einer Weile fragte er: »Hast du sechzigtausend auf der hohen Kante?«
Ich verstand nicht.
»Du könntest dir eine Kopie machen.«
Es verschlug mir die Sprache. 
»Anfangs«, erklärte er, »wären die beiden noch identisch, Spiegelbilder voneinander sozusagen, aber mit der Zeit würden sie ihre eigenen Wege gehen, immer individueller werden.« 
Ich schwieg, und er sagte, was man in solchen Momenten unter Männern eben sagt, dass Anna es nicht wert sei, dass ich Besseres verdient hätte. Meiner Kopie, meinte er, könnte ich Charaktereigenschaften geben, die ideal auf mich abgestimmt seien.
Während er redete, sah ich einen Augenblick vor mir Natan und mich mit je einer Eve, beide Kopien der originalen Eve, und stellte mir vor, wie wir vier in der virtuellen Welt Leuten begegneten, die auch eine Eve haben wollten und sich Kopien anfertigen ließen, die dann mit der Zeit so gestaltet wären, dass auch wir gern eine weitere Version unserer Eve hätten, nur dass dann all diese Eves, die von Natan, von mir und anderen, irgendwann wohl auch Lust auf eine Variation ihres Partner hätten und sich von mir oder von Natan Kopien anfertigen ließen, die anfangs noch identisch wären, mit der Zeit aber immer individueller würden, eigene Bedürfnisse und Wünsche nach Eves und Natans und Varianten davon hätten, sodass die Welt langsam zu einem Spiegelkabinett mit unzähligen Eves, Natans und Ichs würde, die weiter kopierten und kopierten, bis ich und alle anderen Ichs und Eves und Natans in einem Meer von Kopien erdrückt würden, was natürlich niemals möglich wäre, weil wir alle – grausame Nebenerscheinung – faktisch unsterblich wären – 

Ach was, das dachte ich nur für ein paar Sekunden, dann sagte ich zu – 

Mittlerweile sind wir zu viert hier in dieser wunderbaren Spiegelwelt. Wir genießen unsere Ausflüge. Seine und meine Eve, er und ich sind immer gut gelaunt und passen uns jeder Stimmung an, wir sind geistreich und witzig, wir ziehen um die virtuellen Häuser, lachen über die Sterblichen und pfeifen darauf, dass wir nur hochkomplexe neuronale Netzwerke sein sollen.  

«Spiegelwelt» ist erschienen in Narr #36, 2023, S. 71-76.

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