
«Als wir nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl beim Kino Corso, gegenüber der Kanti am Burggraben, von einem Reporter gefragt wurden, ob wir uns Sorgen machten wegen des radioaktiven Ausfalls, schüttelten wir nur lachend die Köpfe.»
Zum Zeitpunkt der verheerenden Atomkatastrophe Ende April 1986 war ich knapp vierzehn Jahre alt. Zum vierzigsten Jahrestag zwei Ausschnitte aus «Ein Endlager für Pontius Pilatus». Die unveröffentlichte Erzählung handelt von der mittelalterlichen Legende um den Pilatus-See, ist aber auch eng vernetzt mit der aktuellen Diskussion um Atomenergie und Endlagerung. Dabei steht die Entsorgung der Leiche von Pontius Pilatus sinnbildlich für das erste große Sondermüll-Problem der westlichen Welt (vgl. den Artikel zur Erzählung)
1) Das Schweizerische Tschernobyl – Lucens 1969
«In der Nähe von Lucens VD beginnt die Geschichte der Schweizer Atomenergie mit einem Knall. Am 21. Januar 1969, kaum ein Jahr nach Inbetriebnahme eines Schwerwasserreaktors, einer Schweizer Eigenentwicklung, in eine Felskaverne eingelagert, kommt es nach einem revisionsbedingten Betriebsunterbruch zum teilweisen Schmelzen eines Brennelements. In der Folge explodieren Teile des Reaktors, schweres Wasser und andere radioaktive Stoffe werden freigesetzt, in den umliegenden Dörfer erhöhte Strahlenwerte gemessen.



Der Vorfall geriet schnell in Vergessenheit. Eine Bagatelle war er allerdings nicht, wie man heute weiß. Unter dem Reaktor hat man zeitweise eine Strahlung von 2000 Röntgen pro Stunde gemessen statt der zugelassenen 5 pro Jahr, und auf einer Skala zur Bewertung nuklearer Ereignisse rangiert der Vorfall als «ernster Unfall» auf Stufe 5 von 7. Nur glückliche Umstände verhinderten, dass es zu einer nuklearen Katastrophe kam.
Erst 2003 wurden übrigens die letzten radioaktiven Abfälle von Lucens ins Zwischenlager Würenlingen gebracht, wurde die Anlage offiziell für sauber erklärt, zumal auch das Tritium, das noch immer im Drainagewasser um das ehemalige Kraftwerk gemessen wird, unter dem Grenzwert liegt.
Seither lagern Archive, Bibliotheken und Museen in den Kavernen Kulturgüter, neben Dokumenten und Urkunden Knochen, eine mittelalterliche Turmspitze von Lausanne und Reste einer römische Kanalisation. […]»
Weitere Informationen des Schweizerischen Nationalmuseums unter https://blog.nationalmuseum.ch/…/als-die-schweiz-nur…/
2. Katastrophentourismus Tschernobyl
Alles war gut organisiert. Insgesamt eine fantastische Tour mit tollen Fremdenführern. Sehr empfehlenswert für alle. (G.Y. auf Tripadvisor)
Wir haben einen fantastischen Tag verbracht und sind nach einem so einzigartigen Erlebnis sprachlos. (Pauline M. auf Tripadvisor)
«Bis zum Kriegsausbruch vor drei Jahren konnte man von Kiew aus geführte Touren ins zwei Stunden entfernte Tschernobyl buchen. Die Kassenhäuschen knallgelb mit dreieckigen Strahlenwarnzeichen. Selenski hatte erklärt, die Sperrzone zu einem Touristenmagneten zu machen, und die verlorene Welt um das havarierte AKW herum stieß auf derartiges Interesse, dass bald bis zu 70’000 Touristen jährlich dorthin pilgerten und Forbes die Destination als «world’s unique place to visit» betitelte.
Rund 85 Euro zahlt man für eine Tagestour. Hält man sich an die Verhaltensregeln, die einem bei der Sicherheitseinweisung vermittelt werden – etwa nichts anzufassen oder sich nirgendwo anzulehnen, besonders nicht an metallische Gegenstände –, bestehe keine Gefahr; die Strahlenbelastung entspreche etwa der einer Ganzkörper-Röntgenaufnahme, gegen den radioaktiven Staub würden Chemikalien versprüht. Ein eigener Geigerzähler wird empfohlen und kann für die Dauer des Aufenthalts gemietet werden.



Auf dem Programm stehen der Sarkophag, die nicht fertiggestellten Kühltürme, der rote Wald oder die verlassene Stadt. Beliebte Fotosujets wie aus einem dystopischen Endzeitfilm, unzählige Male im Netz verbreitet: das rostige Riesenrad und der überwachsene Autoscooter im Vergnügungspark von Prypjat, eingestürzte Häuser, der Kontrollraum, das gigantische Metallgerüst, das eine sowjetische Radarstation war, zerfallene Schulzimmer und Turnhallen, ein verrosteter Bus, Block 3 mit seinen Räumen voller Gasmasken und Schutzanzügen oder dieses Zimmer mit den nackten Bettgestellen und der Puppe in einem verlassenen Wohnhaus. Eine tote Welt, sich selbst überlassen, menschenleer (wobei man sich natürlich die Touristen hinter und neben dem Fotografierenden dazudenken muss).
Am Ausgang der Sperrzone verkauft ein Souvenir-Shop Postkarten: Tassen, Kugelschreiber, Kühlschrankmagneten oder T-Shirts mit Strahlenwarnzeichen. […]»
Aus Marc Späni: «Ein Endlager für Pontius Pilatus» (unveröffentlichte Erzählung)
