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Marc Späni

12/14/2025

Düstere Vision eines konsequent umgesetzten Transhumanismus

Westlake Haven von Marc Späni

(Rezensionen zu unveröffentlichten Büchern #1, März 2024)

«Westlake Haven. Ron Kramers Geschichte. Eine Chronik der virtuellen Welt». So lang der Titel, so vielschichtig Marc Spänis SF-Opus – und in einer Zeit, wo alles über KI spricht, hochaktuell. Vor wenigen Tagen hat erstmals ein Mensch mithilfe eines Computerchips im Hirn einen Computer bedient. In Spänis Chronik ist dies nur der erste Schritt in einer Entwick­lung, die in konsequenter Fortführung des Blue Brain Projekts zur Schaffung des «virtuellen Menschen» führt, einer elektronischen Replikation des individu­ellen menschlichen Gehirns. Der Mensch wird zur Datenstruktur und in eine Welt gesetzt, die ebenfalls bloß aus elektronisch generierten Sinneseindrücken besteht. Platons Höhlengleichnis im Computerzeitalter.


Neues Leben für Kryonik-Patienten dank dem «virtuellen Menschen»

Die Geschichte folgt neben anderen Figuren dem Softwareentwicklers Ronald Kramer vom Kampf um Lizenzen zur Schaffung des «virtuellen Men­schen» über den eigenen biologischen Tod und die virtuelle Auferstehung bis zur verzweifelten Suche nach dem endgültigen Tod in einer Spiel-Welt, die von einer nicht auszuhaltenden Sinn-Leere bestimmt und von einer verrückt gewordenen Game Engine ge­steuert wird.

In «Westlake Haven» werden alle relevanten Fragen im Zusammenhang mit virtuellen Welten gestellt: Darf man ein menschliches Bewusstsein in eine Daten­struktur überführen? Was passiert, wenn eine identische Kopie entsteht? Wie gestalten permanente Bewohner virtuelle Plattformen zu ihrem Lebens­raum? Gibt es Grenzen des Erlebbaren, des Genusses, des Selbst-Upgrades? Welchen Stellenwert hat die Außenwelt für die Bewohner virtueller Plattformen? Was ist, wenn jemand auf die Idee kommt, die Serveranlagen zu sabotieren, auf denen die ganze Welt gespeichert ist? Wie geht man mit dem Zwang um, einem scheinbar unendlich verlängerten Leben Sinn und Erfüllung zu geben? Führt die Unmöglichkeit nicht zwangsläufig in den Suizid, der aber nur über eine Lösch-Applikation möglich ist? Und was, wenn diese Applikation plötzlich nicht mehr funktioniert, die Menschen in ihrer Kunstwelt gefangen sind, den Kontakt mit der Außenwelt verlieren?

Späni implementiert diese Themen  konse­quent in eine mehrschichtige Erzählung. Er schafft nicht weniger als ein ganzes Univer­sum und zeigt dabei viel Liebe zum Detail, etwa mit den rund vierzig kurzen, mit Blei­stiftzeichnungen illustrierten Texten, welche die Haupterzählung ergänzen: Zeitungs­artikel, Interviews, ein Test­bericht; ein Wikipedia-Artikel, der Blog eines Online-Games, Werbungen für Prothesen, Lokali­täten in vLife, künstliche Kinder, Retro-Artikel oder Hirnspeicherplatzoptimierung.

Eine düstere, mitunter auch amüsante Vision eines konsequent umgesetzten Transhumanismus, die nicht wie viele andere SF-Romane auf Thriller- und Katastrophen-Elemente setzt und gerade deswegen besonders schrecklich erscheint.

Marc Späni
Westlake Haven. Eine Chronik der virtuellen Welt
mit Illustrationen des Autors
unveröffentlicht*

»Nimm eine einfache Mauer«, fährt sie fort. »Für einen Temporären ist sie nichts als eine Begrenzung, ein unifarbener grauer Quader, Beiwerk.«
Sie nimmt einen Schluck replizierten Tee, während Ron die perfekt nachgebildete Natursteinmauer hinter ihnen mustert.
»Wir hingegen«, fährt sie fort, »wir Permanenten wollen eine Mauer, von wel­cher der Mörtel abblättert, auf der Moos wächst, über die sich Efeu rankt und eine Spinne krabbelt, und nicht dieselbe Spinne im immer gleichen Zeitabstand.«

*Interessierte Verlegerinnen und Verleger sind herzlich eingeladen, unter info@marcspaeni.ch Kontakt aufzunehmen.

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Literatur, Marc Späni, Rezension, Schweizer Literatur, Science Fiction, SciFi, Virtuelle Welten
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