Die falschen Pilger von Marc Späni
(Rezensionen zu unveröffentlichten Büchern #2, April 2024)
Der Vergleich mit Hesses Morgenlandfahrt drängt sich auf. Nur ist die von Marc Späni beschriebene Pilgerreise durch und durch ein Produkt der westlichen Konsumgesellschaft: Gutbetuchte Mitteleuropäer in teurer Outdoor-Ausrüstung spulen auf der Suche nach so etwas wie Sinn oder auch bloß Unterhaltung ein Programm ab, das sie durch die Türkei und den Irak bis ins pakistanische Harappa führt. Sie besuchen Moscheen, Höhlenkirchen, antike Monumente, Grabfelder, Heiligtümer, und zu jedem dieser spirituellen Orte finden sich im schwarzen Pilgerbüchlein Erläuterungen, Interpretationen, Übungen – eine Pilgerreise ganz im Zeichen des New Age.
Wer nun eine fiktionalisierte Reisebeschreibung erwartet, vor Ort recherchiert und von persönlichen Eindrücken geprägt, ist hier aber am falschen Ort. Vielmehr gilt, was der Romantiker Jean Paul (mit dem Späni übrigens bestens vertraut ist) einmal pauschal über Reisejournalisten schrieb, dass sie nämlich «häufig ihre Beschreibung ohne die Reise machen». Bei Späni ist dieses Vorgehen Programm: Explizit stützt er sich für seine Recherchen ausschließlich auf Internet und Google Earth und vermischt die Informationen aus Bildern, Beschreibungen und Videos dann lustvoll mit frei Erfundenem. Neben detaillierten Angaben zu existierenden Sehenswürdigkeiten finden wir auch einen modernen Tourismuspark im Nordirak, und Qeshm in der Straße von Hormus ist eine blühende Blumeninsel, auf der Weltraumforschung betrieben wird. Einmal mehr behält Spänis Fabulierlust die Oberhand.
Über mehr als 400 Seiten folgt man Personen und Gruppen auf ihren verschiedenen Wegstrecken. Minutiös hat der Autor die Routen berechnet, Überschneidungen arrangiert oder Figuren einander immer wieder knapp verpassen lassen. Wir lernen Stefan Arnold kennen, einen Journalisten, der nur widerwillig dem Zug folgt, die Projektleitung um den Schweizer Eric Straub, einen Spieleentwickler auf der Suche nach Motiven für ein Online-Game. Neben diesen titelgebenden «falschen Pilgern» bekommen wir auch Einblick in die «richtigen» Pilgergruppen: ein Paar aus Thun, die alten Amerikaner oder eine junge Frau, die sich aus religiösem Eifer als Helferin engagiert hat und angesichts der Pfadi-Mentalität im Camp von Umm Qasr in eine tiefe Krise stürzt. Es kommt zu Pannen, Unfällen, Spannungen, Streitigkeiten, Grenzerfahrungen und Enttäuschungen, bis man schließlich im pakistanischen Harappa angekommen ist, einer Art Woodstock für die arrivierte Mittelschicht, die auf dem Gelände des riesigen Zeltlagers die erste bemannte Marslandung verfolgt.
Wo bleiben nun bei all den banalen Fragen um Grenzmodalitäten, Reiserouten, Eintrittspreise oder Übernachtungsmöglichkeiten Selbsterkenntnis, spirituelles Wachstum, Einsicht? – Kaum irgendwo. Den meisten Teilnehmenden vergönnt Späni so etwas nicht, der große Zug nach Harappa bleibt ein Akt der Selbsttäuschung angesichts einer riesigen spirituellen Leere, die im besten Fall nach der Reise nicht größer geworden ist. Tiefe Einsicht in die fremden Kulturen, ja überhaupt Berührungen mit dem Fremden, oder auch Annäherungen an das eigene Innere bleiben Ausnahmen, und so ist Spänis große Morgenlandfahrt am Ende nur eine weitere Spielart des Massentourismus’, eine Reise in einer Blase, was gerade durch den völligen Verzicht auf Recherchen vor Ort besonders deutlich zum Ausdruck kommt.
Marc Späni
Die falschen Pilger
Roman
unveröffentlicht*
«Am Grenzübergang Edirne wurde Stefan Arnold herausgewinkt, nach über zweitausend Kilometern und vier Grenzübertritten zum ersten Mal. An die Wand des Zollgebäudes gelehnt beobachtete er aus müden Augen, wie zwei türkische Zollbeamte seinen roten Camper durchsuchten. Es war heiß, und er wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von seinem kahlen Schädel. Die Kontrolle wurde allerdings nur oberflächlich durchgeführt. Vielleicht hatte das ja mit Arnolds Presseausweis zu tun, den er einem dritten Beamten mitgegeben hatte, in der schwarzen Dokumentenmappe, zusammen mit seinem Pass, den Visa und allen anderen Reiseunterlagen.
Die ersten Reisenden, die drei Wochen zuvor mit den gleichen schwarzen Reisemappen die bulgarisch-türkische Grenze passieren wollten, aufgekratzte junge Deutsche in einem bunt bemalten VW-Bus, waren noch über fünf Stunden am Zoll festgehalten worden. Bis sich die türkischen Behörden davon überzeugt hatten, dass mit der Gruppe – zumindest polizeilich – alles in Ordnung war. Seither hatten die Zöllner fast jeden Tag weitere Pilger registriert, die allein oder in Gruppen, im Auto, mit Bussen, per Anhalter oder sogar zu Fuß über den größten Grenzübergang in die Türkei einreisten.»
*Interessierte Verlegerinnen und Verleger sind herzlich eingeladen, unter info@marcspaeni.ch Kontakt aufzunehmen.
