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Marc Späni

12/14/2025

Captain Wutzows Romanmaschine

Science Fiction Novelle

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1.

Er steht am offenen Fenster im ersten Stock, barfuss, das Hemd über der Tweed-Hose, blickt hinunter auf den gepflegten Garten mit Aussicht auf den Bodensee. In der Ferne zieht die Fähre von Friedrichshafen dünne Striche über die Bucht von Rorschach, unter einem milchigen Himmel. Am rechten Abschluss der Rasenterrasse, hinter einer blühenden Hecke, ein restauriertes Bauernhaus, niedere Fensterreihen, an der Wetterseite Schindeln. Vogelgezwitscher, Summen von Insekten. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, blicken zu ihm hoch, beide in luftigen Sommerröcken, wollen noch schnell in die Stadt. Es ist zwar erst Mai, aber bereits über 30 Grad.

»Arbeitest du wieder bis sechs wie gestern?«

»Ja, ich muss schauen, dass ich das dritte Kapitel auf die Reihe kriege, etwas für den Mittelteil recherchieren, wenn möglich schon mit der Redaktion des ersten Kapitels beginnen.«

»Vielleicht sind wir schon etwas früher zurück, ist das in Ordnung?«

»Natürlich. Aber ihr braucht überhaupt nicht wegzufahren, ihr stört mich nicht!«

»Ist schon gut. Bis vier hast du auf jeden Fall deine Ruhe. Dann gehen wir mal. Ciao!«

»Tschüss, ihr beiden!«

Drinnen ist es angenehm kühl. Ein geräumiges Arbeitszimmer, die Wände behängt mit gerahmten Zeichnungen, Kinderarbeiten oder moderne Kunst, an der Decke dunkle Holzbalken. In der Mitte des Raumes ein langer, massiver Tisch, Naturholz, belegt mit Büchern aller Art: Taschenbücher, auch englische und arabische, SciFi, Romane, Klassiker, auch teure gebundene Ausgaben, Neuerscheinungen neben antiquarischen Büchern, einige aufgeschlagen, überall schauen Lesezeichen heraus. Ein kleiner Schreibcomputer, ein voller Kaffeebecher. Bücher auch ringsum auf den Regalen, den Kommoden, auf dem Parkettboden. In der Ecke ein lederbezogener Lesesessel.

13 Uhr. Bis sechs hat er also Zeit, fünf Stunden. Ein wenig arbeiten, höchstens eine Stunde, den Rest kann er eigentlich tun und lassen, was er will. An seinem nächsten Roman schreiben muss er nicht, aber das wissen sie natürlich nicht. Sie lassen ihm seine Ruhe, jetzt wo es mit den Büchern wieder rund läuft. Dabei könnte er ohne Weiteres mit ihnen mitfahren, einkaufen, sich später im Garten auf dem Liegestuhl ausruhen, abends fernsehen. Der zweite Band seiner neuen SciFi-Trilogie wird ihm in rund drei Monaten per Post zugestellt, ein digitales Typoskript, als Hörbuch getarnt, völlig unauffällig. Dann rund ein halbes Jahr später das nächste, danach ist ein Ergänzungsband vorgesehen, und so wird es wohl weitergehen, solange der anonyme Autor jemanden braucht, der ihm seinen Namen, sein Gesicht und seine Stimme leiht. Vielleicht eine Persönlichkeit aus Politik oder Kirche, für die eine Tätigkeit als SciFi-Autor unrühmlich wäre, oder jemand, der durch einen Unfall oder eine Krankheit so entstellt ist, dass er – oder sie? – sich nicht der Öffentlichkeit stellen kann, Sven Gabriel weiss es nicht. Er weiss nur, dass die erste Lieferung tatsächlich erschienen und problemlos durch die unbarmherzige Zensur der Lektoriermaschinen im Deutschen Verlag gegangen ist. Und das, nachdem seine letzten zwei Manuskripte schonungslos abgelehnt worden waren, auch die in Verzweiflung zusammengestellte Blütenlese älterer unveröffentlichter Texte. Abgelehnt von der gleichen Programmen, die alle seine bisherigen Bücher auf Anhieb als sehr erfolgversprechend eingestuft hatten, womit sie übrigens auch recht behalten hatten.

Dabei hatte er an seinem Schreibstil nichts geändert, er hatte die selbe Art Figuren in einer gleichartigen Welt ähnliche Handlungen ausführen lassen. Und die »Liste«, die der Verlag jährlich aufgrund von Marktstudien herausgibt und auf die sich die Lektoriermaschinen stützen, diese Liste hatte nicht grössere Änderungen erfahren als in den Vorjahren: 1 oder 2% mehr Spannung, 5% weniger Gewicht auf alternative Erzählformen, nichts, was er nicht minutiös berücksichtigt hätte – wie jeder andere professionelle Schriftsteller. Aber die Zeit der persönlichen Kontakte zu den Verlegern war vorbei, da gab es kein Bitten und kein Betteln, ein ablehnendes Urteil der Lektoriermaschine war endgültig und unumstösslich. Schliesslich verdankt der DV seine Monopolstellung im deutschsprachigen Raum ebendieser Automatisierung. Sven Gabriel war immer der festen Überzeugung gewesen, dass Kreativität enge Leitplanken brauchte und die Liste mit ihren klaren Vorgaben das Schreiben von erfolgreichen Romanen stark vereinfache. Erfolg hatte, wer die Kriterien am exaktesten umzusetzen verstand. Als ihm das mit seinem ersten Science Fiction-Roman Der Wasserseher 2011 gelungen war, hatte er seine bisherigen Vorstellungen von literarischem Schreiben oder gar Kunst über Bord geworfen und beschränkte sich seither darauf, unter enger Berücksichtigung der Liste das Konzept seines Erstlingswerks für neue Romane zu verwerten. Jeder seiner Texte war ein Kassenschlager:

Leichenspiele für Captain Wutzow (2012)

Das Candos Chasma-Projekt (2014)

Die Epäonneen-Zucht auf Deimos (2014)

Der Kinderzug zum Taurusgürtel (2015)

Timaios für Mars III (2017)

Sugav Laev antwortet türkis (2018)

Sven Gabriel war im Fernsehen, wurde von namhaften Literaturzeitschriften interviewt, bekam Ehrungen, er reist ins Ausland, verdiente plötzlich ein Heidengeld, dann kamen Irene, das Haus über dem Bodensee, Nina.

Und dann plötzlich Absagen. Völlig unerwartet. Das Erbe der Kolonisten, Niemand hört Misenos, Die Gräber von Seddin liegen auf Gaia – abgelehnt.

Zwei Jahre Schreibarbeit für nichts. Bald spürbare Lohneinbussen, weniger Interviews, kaum mehr Reisen, zuhause unangenehme Diskussionen, zunehmender Druck, schlechte Stimmung, Auseinandersetzungen, Streit, eine konsequente Abfolge von Schritten, die Rede von Trennung, von Scheidung, von Sorgerecht, etwas zu viel Alkohol, als Katalysator für den ganzen Prozess. Als das anonyme Angebot ins Haus flatterte, war er skeptisch, natürlich, aber hatte er die Wahl? Hatte er etwas zu verlieren? Also unterschreiben und warten, nicht zu viele Fragen stellen, vor allem nicht: Wer ist dieser Mensch? Warum tut er das für mich? Was springt für ihn raus? Warum ich? Warum überhaupt die ganze Sache? Wozu auch fragen, das erste Typoskript wird ihm zugestellt, Der fünfte Fluss im Paradies. Kolonie-Band 1 (2020).

Die Angst vor einer Megakatastrophe stützt die Welt in Krieg und Chaos. Während die Gesellschaftsordnung zu kollabieren droht, unternimmt eine rücksichtslose Elite alles, um sich selber zu retten. Inmitten der umgreifenden Panik kämpft eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern für die Zurückbleibenden, während die Elite mit ihrer Evakuierung das apokalyptische Szenario noch vorantreibt.

Nicht schlecht, etwas holprig hier und da, nicht überall ganz so, wie er es gemacht hätte, aber im Grossen und Ganzen in einem sehr ähnlichen Stil, Bewährtes, stellenweise sogar so gelungen, dass er beim Bearbeiten vergisst, dass nicht er selber es geschrieben hat, sondern der anonyme Vertragspartner, der sich nicht zeigen will und seine Person hinter einem Notar versteckt. Er studiert den Roman – Eingriffe in den Text sind vertraglich verboten –, schickt ihn ohne allzu grosse Hoffnungen an den Verlag, und siehe da: durchgehend positive Einschätzung, sofortige Annahme zur Publikation, Prognosen von schwindelerregend hohen Verkaufszahlen – für Sven Gabriel ein offenes Rätsel, mit dem er aber gut leben kann.

Der Vertrag beinhaltet im Wesentlichen drei Punkte:

Als Co-Autor, wie er im Vertrag bezeichnet wird, verpflichtet er sich, alle vom Autor bzw. dessen Notar zugestellten Typoskripte unverändert innert zwei Monaten unter Vorgabe seiner Autorschaft an den DV weiterzuleiten.

Bis zur Erscheinung des Werks im DV muss er sich so weit mit dem Werk auseinandersetzen, dass er dieses in der Öffentlichkeit glaubwürdig als sein eigenes vertreten kann. Gibt er explizit oder implizit Hinweise, die seine Autorschaft in Frage stellen, wird dies als Vertragsbuch angesehen.

Solange ihm vom Autor mindestens ein Manuskript pro Jahr übergeben wird, darf er keine eigenen literarischen Werke publizieren; davon ausgenommen sind literaturkritische Artikel.

Der Autor verpflichtet sich seinerseits, pro Jahr mindestens ein Typoskript im Umfang von mindestens 80’000 Wörtern zu liefern und die Autorschaft des Co-Autors in keiner Weise nach aussen in Frage zu stellen.

Dann folgen auf mehreren Seiten kleingedruckte Klauseln, Erläuterungen und Ausnahmeregelungen, Präzisierungen zur Gültigkeit und Auflösung des Vertrags sowie zu einzelnen Vertragspunkten. So wird etwa festgelegt, dass Gabriel in einem vertretbaren Rahmen, der im Folgenden definiert wird, Massnahmen zur Vermarktung des Buchs zu übernehmen habe, konkret a) Lesungen, sofern sie vom DV organisiert werden; b) Interviews; c) Artikel für literarische und literaturwissenschaftliche Zeitschriften. In einer anderen Klausel wird präzisiert, dass Parallelen zwischen den Werken Gabriels und Publikationen in natur-, kommunikations- und informationswissenschaftlichen Fachzeitschriften nicht als Infragestellung der Autorschaft gälten, welche sonst zu einem sofortigen Vertragsbruch führte und die beiden Vertragspartner von ihrer Schweigepflicht entbände. Sven Gabriel sieht da nicht so recht durch, wahrscheinlich ist es ja eine reine Schutzklausel, die es dem anonymen Autor ermöglicht, für seine Bücher in wissenschaftlichen Publikationen zu recherchieren – wie er es ja auch immer gemacht hat. Eins ist offensichtlich: Der Vertrag ist von einem Profi aufgestellt worden und lässt nichts offen.

Sven Gabriels Aufgabe ist denkbar einfach. Bei den Lesungen werden ohnehin immer die gleichen Fragen gestellt, dazu bräuchte er kaum einen Blick ins Typoskript zu werfen. Heikler sind da schon die Frage nach den Quellen und den technischen Details. Für gute Science Fiction muss recherchiert werden, und darin besteht auch ein grosser Teil seiner Arbeit als Co-Autor. Kommen beispielsweise Astrochicken vor, muss er wissen, dass das intelligente Raumsonden von der Grösse und dem Gewicht eines Huhns sind, die der Physiker Freeman Dyson Anfang des 21. Jahrhunderts entworfen hat.  So etwas muss er wissen, ohne lange nachdenken zu müssen.

14.20 Uhr. Er hat den Vertrag wieder weggeschlossen, sich in den Lesesessel gesetzt, die Beine hoch, liest weiter in den Abenteuern von Martin Beck und Vicky Hansen.

Ganz in seinem Stil das Café mit den zerschlissenen Sofas im heruntergekommenen, halb evakuierten Manhattan, von wo aus Zina Wang online mitverfolget, wie ihre beiden Freunde in den Anden in einen Indio-Aufstand gegen die illegale Landnahme durch einen euro-amerikanischen Konzern gerät. Schnelle Wechsel vom staubigen New York in die umkämpfte Bergwselt und weiter zur geheimen Projektwerft im grönländischen Ingsugtusok. Wirklich gelungen!

Den Text studieren ohne Fragen nach dem anonymen Autor zu stellen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass Gabriel 80% der laut Verlagsvertrag festgelegten Tantiemen für sich in Anspruch nehmen kann, für Hörbücher und Verfilmungen sogar 100%. Und die 20 restlichen % fallen niemandem auf, vor allem nicht Irene, die hat sich nie für den Bürokram interessiert. Solange das Geld fliesst, ist alles in Ordnung. Seit es wieder fliesst. So gesehen hat der Anonyme auch Sven Gabriels Ehe gerettet. Er hat sich nie vorgemacht, dass eine so schöne, attraktive Frau wegen seines Ruhms als SciFi-Autor bei ihm bleibt. Natürlich liebt sie ihn, aber wenn die Einkaufsbummel gestrichen werden und die hübsche Villa am Rorschacherberg in Frage steht, dann ist das eine Ausnahmesituation, der die Liebe nicht gewachsen ist. Eine Familie wie seine, eine Frau zum Vorzeigen, aber auch häusliche Idylle, eine Tochter, die Papa liebt, diese ganze wunderbare Biederkeit hängt am Einkommen und erstickt, wenn die Zufuhr gedrosselt wird und schliesslich versiegt.

Jetzt, wo der erste Band in den Regalen der Buchhandlungen steht, sind Irene und Nina wieder im Haus, niemand redet mehr von Trennung. Da gibt Gabriel gern dem Wunsch von Mutter und Tochter nach einer Privatschule in Jersey für Nina nach. Zwar ist es schade, dass Nina dann fast das ganze Jahr über weg ist, aber kann man einer 14-Jährigen verwehren, dass sie sich von zu Hause lösen und sich auf ein eigenes Leben vorbereiten will? Englisch lernen ist heutzutage ein Muss, und wenn man die klimatischen Vorteile und das Unterhaltungsangebot einbezieht, ist Jersey ideal: Ausflüge, Ausgang im 15 Minuten entfernten St-Helier, sportliche Aktivitäten von Windsurfen über Rasenbowling zu Cliff Walking. Und das nur einige Stunden von der Schweiz entfernt. Zugegeben, schweineteuer, aber gute Erziehung hat nun mal ihren Preis. Und für ihn und Irene gibt das Raum, die eben erst gerettete Beziehung etwas zu zementieren.

17 Uhr. Noch eine Stunde. Die beiden sind vor einigen Minuten zurückgekommen. Irene tut alles, damit er in Ruhe arbeiten kann, Nina soll im Garten nicht laut sein, die Haushälterin wird auf den Morgen bestellt. Die letzte halbe Stunde stellt er für die Familie zusammen, was er gemacht hat und schliesst seine Notizen und den Vertrag weg. Legt sich hin, döst, liest, geht im Raum herum, legt sich wieder hin, blickt aus dem Fenster.

Um 18 Uhr würde er runter kommen, erzählen, wie er vorwärts gekommen ist, vielleicht eine oder zwei Szenen zusammenfassen, sie wären stolz auf ihn, während sie ihre Einkäufe auspackten, die Maschine läuft, hält das Glück am Leben. Manchmal liest er Irene vor, wenn sie auf dem Sofa beim Kamin liegen, und sie schläft zu seinem Geschichten ein, Idylle zu zweit. Solche Momente würden sie pflegen, während sich ihre Tochter im »St-Brelade’s College« auf das Leben reicher Familien vorbereitet.

2.

Im Dachzimmer des restaurierten Bauernhauses sitzt ein älterer Mann mit einer grauen Strickjacke über seine Notizen gebeugt. Obwohl auf dem Tisch mehrere Hochleistungscomputer mit integraler Spracherkennung stehen, schreibt er säuberlich mit einem teuren Füllfederhalter auf Notizblätter. Die Sonne dringt durch die niedere Fensterreihe, in fünf Töpfchen auf dem Fensterbrett recken sich Pflanzen nach Licht und Wasser, aber Clemens Pöhners Augen bleiben fieberhaft auf seine Notizen geheftet. Eigentlich brauchte er mit seinen 62 Jahren nicht mehr zu arbeiten, genaugenommen hätte er schon vor fünfzehn Jahren damit aufhören können, als seine Firma, Pöhner BioLinguistics (PBL), in einem Treibhaus bei Fruthwilen oberhalb des Überlingersees seine linguistischen Neuro-Netzwerke zu züchten begann, kleine biotechnologisch erzeugte sprachbegabte Hirne, die nach der Ernte für individuelle Anwendungen trainiert und in alle Welt verkauft werden: für Simultanübersetzung, automatisierte Auskunftsdienste, Protokollführung, intelligente Datenbankabfragen, Erstellen von Abstracts, virtuelle Unterrichtsmodule und andere mittlerweile selbstverständliche Aufgaben des modernen Informations-Managements. Dass der »Papst der Bio-Linguistik« (Science 3/2018) diese Disziplin entwickelt und zu einer leistungsfähigen praktischen Wissenschaft gemacht hat, und das weitgehend im Alleingang, verdankt er vor allem vier Eigenschaften:

Pöhner hat erstens einen völlig unvoreingenommenen Zugang zu Problemen und die Fähigkeit, die unterschiedlichsten Betätigungsfelder wechselseitig zu nutzen; er interessiert sich für Kunstgeschichte, Gartenbau, spielt Klavier und Golf, hat ein Faible für die Comics von Hergé und Schifffahrt. Zweitens ist Pöhner ein bis zur Pedanterie systematischer Mensch: Jedes Buch in seinem grossräumigen Büro ist katalogisiert, hat seinen Platz, die altmodischen Ordnerreihen in den Regalen sind nach Farben sortiert und alphabetisch geordnet. Drittens ist er, auch wenn er rein äusserlich langsam und schwerfällig wirkt, ein ausserdordentlich schneller Denker und Problemlöser. Und schliesslich kann er sich von einem Problem, in das er sich erst einmal verbissen hat, nicht mehr losreissen, bis er es gelöst hat, wobei er viele andere Dinge vergisst, verdrängt oder auf die lange Bank schiebt, etwa den lange gehegten Wunsch, sich von seiner Frau zu trennen oder sie wenigstens aus dem Haus zu haben.

Die anfängliche Begeisterung für seine erste Tätigkeit als Lehrer für Informationswissenschaften am Gymnasium legte sich schnell. Als guter Didaktiker und Methodiker mit Improvisationsgabe und breitem Wissen war er enttäuscht und persönlich beleidigt, wenn seine gut vorbereiteten Lektionen an der umgreifenden Disziplinlosigkeit scheiterten. Immer häufiger beschäftigte er seine Klassen und ging während dieser Zeit seinen eigenen Problemen nach. Ein Gespräch mit einem älteren Kollegen pflanzte ihm das Interesse für maschinelle Übersetzung ein, das ihn zeitlebens beschäftigte. Er vertiefte sich in Fachbücher für Computerlinguistik, tüftelte an Scripts herum und hatte innert eines Jahres den damaligen Forschungsstand aufgearbeitet. Er schrieb ein kleines Programm, das mit wenig Aufwand ein sehr gutes Parsing deutscher Texte erlaubte, stellte es ins Internet, wurde kurz darauf von einer Münchner Firma angeworben und hängte seine Lehrtätigkeit mit Erleichterung an den Nagel. Seine Schnelligkeit erlaubte es ihm auch in den weiteren Jobs, neben den vorgegebenen Aufgaben an eigenen Projekten herumzubasteln. Während er in Bayern sein Parsing verfeinerte, war ihm schon lange klar geworden, dass sich die ganze Computerlinguistik auf einem kybernetischen Holzweg befand. In einem späteren Interview, als er seine ersten eigenen Forschungsprojekte vorstellte, äusserte er sich folgendermassen:

Es bringt nichts, mit Hilfe langer Scripts und riesiger Datenbanken menschliche Sprache auf dem Computer nachbilden zu wollen, wie das die Computerlinguisten seit einem halben Jahrhundert vergeblich versuchen. Wir brauchen Transmitter, die fähig sind, Sprache zu lernen und flexibel damit umzugehen, und diese Möglichkeit sehe ich einzig im Bereich biotechnologisch geschaffener neuronaler Netzwerke.

Während die Fachwelt über Pöhners Ideen lachte, entwickelten sich in einem Gewächshaus im Thurgau die ersten kleinen Gehirne, wurden mit der grossen Welt der Informationen verknüpft, lernten, speicherten – Kombinationsmöglichkeiten von Wörtern, Formen, Sätzen, Textteilen, Kommunikationssituationen – und versuchten eines Tages, zuerst noch unkoordiniert, mit ihrem Erschaffer über Sprachgeneratoren zu kommunizieren. Die ersten Protohirne brachten nur unverständliche Buchstabenkombinationen hervor, weil sie ganz andere Regeln und Gesetze gefunden hatten als erwartet, etwa blosse Regeln für Buchstabenkombinationen, keine Grammatik. Nach und nach wurde das Starterkitt für die jungen Hirne verfeinert und die Resultate besser. Pöhner war jedes Mal fasziniert, auf welchem Weg sich seine Neuro-Netzwerke den Weg in die Welt der Sprache und Kommunikation suchten: Eines hatte schon nach wenigen Wochen Rätoromanisch in allen fünf Dialektvarianten inklusive Rumantsch Grischun gelernt, während ein anderes längere Zeit bei dadaistischer Lyrik verweilte und ein drittes sich aus den Werken von Isaac Asimov Inputs holte. Neben solchen universalistischen Metahirnen konnten durch gezielte Auswahl von Inputs schliesslich auch kleinste Neuro-Netzwerke gezüchtet werden, die bloss eine bestimmte Anzahl ausgewählter Sprachen und Sprachfunktionen beherrschten, was für bestimmte Aufgaben durchaus reichte und sie für grössere Firmen und öffentlich-rechtliche Institutionen erschwinglich machte.

Die PBL erlebte einen kometenhaften Aufstieg, Produktionsstätten in Indien, Pakistan und in der Mongolei wurden eingeweiht, während die Forschungsabteilung am Untersee beheimatet blieb. Pöhner wurde von Rufen an Universitäten und Unternehmen überschwemmt, bekam Ehrenprofessuren und konnte sich trotz heftiger Abwehr nicht ganz vor periodischen Fernsehauftritten und Interviews schützen. Weltweit sind noch immer kleinere und grössere Unternehmen damit beschäftigt, immer neue Anwendungen für Pöhners Neuro-Netzwerke und Verfahren für die kostengünstige Klonung derselben zu finden.

Dabei ist Clemens Pöhner ein einfacher, bescheidener Mensch geblieben. Sein Lebensglück liegt nicht im Erfolg, nicht im Geld, sondern – was viele erstaunt – in der Ruhe! Mit den Patentrechten auf seine Neuro-Netzwerke ist er vermutlich Multi-Milliardär, aber das interessierte ihn nicht, solange er die nötige Zeit und den passenden Raum hat, um genussvoll seinen Interessen nachzugehen. Seine grösste Ausgabe war die Restauration des hübschen Appenzeller Bauernhauses am Rorschacherberg, zuhause trägt er Wolljacken und arbeitet in seinem grosszügigen Garten im Schatten der alten Bäume am liebsten selbst mit Schaufel und Hacke. Um seiner Frau so gut es geht auszuweichen, geht er mit den Hunden spazieren; in der freien Natur kann er seinen Gedanken am besten nachgehen.

In seinen Träumen würde er keinen Projekten nachspringen, sondern das Leben reicher Leute geniessen, schöne Orte aufsuchen, sich bedienen lassen, seine vertrocknete, langweilige Frau gegen eine junge, hübsche vertauschen. Solche Fantasien hatte er lange Jahre nicht mehr gehabt, eigentlich erst wieder, seit Sven Gabriel mit seiner Frau auf dem Nachbargrundstück gebaut hatte. Ja, die Gabriel, das war eine Frau! Er hatte sie mehrmals auf Spaziergängen getroffen und mit ihr geplaudert. Eine intelligente und hübsche Frau, die sich für die Welt interessierte.

Im Augenblick ist allerdings nicht an Spaziergänge zu denken, da sitzt er in seinem Dachzimmer und arbeitete verbissen, fast in meditativer Versenkung an einem Forschungsartikel, den er in einigen Tagen abliefern muss, das Timing ist in dieser Sache ungemein wichtig. Nötig hatte er es nicht, aber es ist wieder so eine Sache, die ihn nicht mehr loslässt, der er voll und ganz ausgeliefert ist. Er setzt den Stift ab, seufzt und blickt aus dem Fenster in den milchigen Himmel. Die Sache hat ihn derart im Griff, dass er es sogar abgelehnt hat, an dem einzigen Projekt mitzuarbeiten, das seine ganze biolinguistische Forschung noch hätte übertrumpfe können: die Vernetzung von menschlichem Hirn und künstlichen Netzwerken!

Wenn er zwischendurch aufsteht um sich die Beine zu vertreten, sieht er durch die kleinen Fenster auf das Nachbargrundstück. So charmant, weltoffen und kultiviert Irene Gabriel ist, so kulturlos ist ihr Mann, der seinen Garten verwahrlosen lässt (das Gartentor zu den Gabriels, das Pöhner vor einigen Wochen neu gestrichen, entrostet und von den wuchernden Ästen befreien liess, ist der einzige Fleck, der nicht unkontrolliert überwachsen ist), der ihn, den ruheliebenden Clemens Pöhner, mit dem Lärm von Rasenmäher, Minibagger oder Baumsäge bei der mittäglichen Ruhe stört – ein unmöglicher Mensch. Einen Augenblick sträuben sich ihm die Nackenhaare. Dann sind seine Gedanken aber auch schon wieder bei seinen Notizen. Das ist gut, genial! Er lacht innerlich. Eigentlich ist er doch gar kein so böser Mensch. Zumindest nicht, solange niemand seine Ruhe bedroht.

3.

Sven Gabriel sitzt am Holztisch, in Jeans, einem alten College-Pullover, dicken Wollsocken. Draussen dichte schwarze Wolken, Schneeregen. Noch immer liegen Bücher herum, aber es sind weniger, dafür hat der Lesesessel einem vollautomatischen Stressless-Massagestuhl Platz gemacht. An die Wand gelehnt eine gerahmte goldene Urkunde, noch nicht aufgehängt. Vor ihm auf dem Tisch der nagelneue dritte Band der Kolonie-Trilogie, Locus amoenus (2022), noch in durchsichtige Folie verpackt. Durch die geöffnete Tür hört man Irene vom unteren Stock her.

»In Oman könnten wir auch noch eine Rundreise machen, klingt spannend: Lehmstädte, Märkte, portugiesische Festungen, persönlicher Guide, Übernachtungen in 5-Sterne-Hotels.«

»Ist das weit von Doha?«

»Nein, aber man müsste nochmals fliegen.«

Gabriel reckt sich in seinem Stuhl. »Was haben wir denn schon alles?«

»Die erste Woche Israel und Palästina, eine Rundreise. Dann für eine Woche das Meridian in Aqaba, danach je nachdem Transfer nach Oman und wöchige Rundreise, oder direkt Südiran, Rundreise und Badeferien. Der Rückflug geht dann von Busher über Shiraz nach Tel Aviv.«

»Ja, dann machen wir das doch.«

»Aber ist das nicht zuviel für dich? Alles zusammen sind das fünf Wochen.«

»Kein Problem.«

»Aber deine Schreibarbeit?«

»Geht klar. Den vierten Band muss ich erst im Frühling abliefern.« Er blickt nach draussen. »Ich muss mal wieder weg von diesem fürchterlichen Winterwetter.«

»Ja, ich auch!« Sie lacht. »Ich meine nur, bisher hast du einige Monate fast Vollzeit für einen Band gebraucht. Bist du sicher, dass du neben der Reise noch genügend Zeit hast?«

»Mach dir keine Sorgen. Der Folgeband ergibt sich fast von selbst aus der Trilogie, den habe ich gewissermassen während der ersten drei Bände mitkonzipiert. Der braucht nur noch wenig Arbeit. Wenn wir Mitte März wieder da sind, kann ich einige Wochen intensiv arbeiten, dann habe ich das Manuskript. Und das kann ich dann auf Guernsey korrekturlesen.«

Sie scheint zu überlegen.

»Wirklich kein Problem«, insistiert er. »Das Schreiben geht mir im Augenblick sehr leicht von der Hand.«

»Nina freut sich auch riesig. Sie ist ja so stolz, dass sie den Bau des Landhauses überwachen kann.«

Er lacht. »Ja, unsere Tochter wird erwachsen.«

Wenn es einen Höhepunkt in einer Schriftstellerkarriere gibt, hat ihn Sven Gabriel mit seiner Kolonie-Trilogie erreich: SciFi-Autor des Jahres, goldene Buchstütze, enorme Zusatzauflagen, Verträge für Übersetzungen ins Arabische, Englische, Französische, Indonesische, Japanische und weitere 24 Sprachen – das alles ist mit den neuen Übersetzungstools von PBL kein Problem mehr –, Filmprojekte, Hörbücher, ein eigener PR-Manager, der ihm die wichtigsten Interviews und Artikel herausfiltert und ihm aufdringliche Journalisten vom Leib hält, ein neuer Zaun mit Sicherheitsanlage um das Grundstück, Familienglück, Bau eines Wochenendsitzes an einem der schönsten Flecken auf Guernsey, von Altenrhein aus in rund vier Stunden per Luftschiff, mit dem Flugzeug sogar in eineinhalb Stunden erreichbar. Und eigentlich eine schöne Idee, dass er das Landhaus auf ihren Namen gekauft hat. Ein Liebesbeweis, auf den er zugegebenermassen nicht ganz von alleine gekommen ist. Aber kommt es darauf an? Die Baukosten werden ja ohnehin aus seiner Kasse bezahlt.

»Von Bushehr gäbe es noch die Möglichkeit, die Garteninsel Qushm zu besuchen. Musst du dir mal ansehen. Hat seinen Preis, sieht aber wirklich umwerfend aus.«

»Leg’s mir mal hin. Ist das nicht weiter südlich?«

»Mhm.«

»Kommt man da gut hin?«

»Man müsste wahrscheinlich privat einen Flug buchen.«

»OK, warum nicht. Ich schau’s mir mal an.«

Und wen kümmert’s, dass die Bücher nicht von ihm sind? Andererseits, irgendwie sind sie ja auch von ihm. Wie sich innerhalb der Marskolonie langsam Spannungen ergeben und die Aufmüpfigen plötzlich einem brutalen Machtapparat gegenüberstehen, der sich hinter der Notwendigkeit von Disziplin und Sanktionen versteckt – Ideen, wie er sie schon in Timaios für Mars III vorgezeichnet hat. Wie die Gruppe um Derek Balmer in der Biosphäre sitzt und riskiert, von den neuen Machthabern auf Mars III gänzlich sich selber überlassen zu werden, ohne Möglichkeit die Station zu verlassen, einem langsamen Tod entgegenblickend – ganz seine Art von Spannungsaufbau. Oder, als Kontrast, die philosophischen Brüder, die im Luftschiff die Erde umkreisen und erhaben über den Untergang der menschlichen Gesellschaft lachen – das hätte auch seine Idee sein können! Und dann natürlich die wunderbaren Entdeckungen der Sugav Laev-Crew, die blühenden Epäonneen und ihre seltamen Parasiten. Auch die Katalogisierung der extraterrestrischen Lebensformen könnte seiner Phantasie entsprungen sein. Zum Teil begegnet er beim Lesen sogar Figuren aus seinen eigenen Werken, wie alten Freunden. Im Zusatzband soll sogar der alte Captain Wutzow wieder auftauchen. Würde sich Sven Gabriel hinsetzen und selber schreiben, er würde nichts anderes produzieren, als was er in regelmässigen Abständen geliefert bekommt, keine anderen Figuren, keine anderen Handlungsstränge, keine anderen Formulierungen. Nein, es ist sein Werk, der eben erst erschienene, mit Spannung erwartete, mit riesigen PR-Aktionen eingeführte dritte Band, Locus Amoenus, ebenso wie der zweite Kolonie-Band, Morphomallien auf Phobos.

Am liebsten hätte er Captain Wutzows Rückkehr auch schon in der Hand. Aber damit muss er sich bis im Frühling gedulden. Gut, dass er bis dann mit Irene in der Welt herumreisen kann.

Flug Zürich –  Tel Aviv. 1 Woche Rundreise mit persönl. Guide durch Israel und Palästina. Transfer per Luftschiff nach Aqaba. 1 Woche Aufenthalt im Kepinski*****. Transfer per Flugzeug nach Sohar. Oman-Rundreise Nizwa, Muskat, Barkha mit privatem Guide, Übernachtungen in *****-Hotels. Transfer per Flugzeug über Doha (1 Übernachtung im *****-Hotel) nach Bushehr. 1 Woche Rundreise Süd-Iran in Kleingruppe (Shiraz – Esfahan – Ahvaz – Shiraz, Übernachtungen ****-Hotels), 1 Woche Aufenthalt im Alhambra Resort***** in Bushehr. Rückflug über Shiraz und Tel Aviv nach Zürich.

Er hasst den Winter. Überhaupt das Klima hier. Im Frühling gibt es eine kurze Zeit, die einigermassen angenehm ist, wo man den Garten geniessen kann, danach wird es bereits zu heiss, eine trockene Hitze, unerträglich. Der grösste Teil des Jahres dann grau, Hochnebel, ständiger Regen und Stürme, unterbrochen nur durch einen oder zwei Monate mit Bergen von Schnee und eisiger Kälte.

»Ich sehe gerade, dass man von Qushm Island über Dubai zurückreisen könnte. Dubai würde ich gern mal sehen, und vielleicht könntest du es noch mit einer Lesung verbinden, die wollten dich doch schon lange mal haben.«

»Ja, du hast recht. Die arabische Übersetzung des dritten Bandes müsste dann auf dem Markt sein.«

Das ist eine brillante Idee. Die Araber wissen, wie man Autoren bei Laune hält. Sie lieben seine SciFi-Abenteuer, übersetzen alles, was auf dem Markt ist. Kein Wunder! Wenn man irgendwo in der Welt in die Zukunft schaut, ist es neben Malaysia der arabische Raum. Hier hat man neue Inputs des Wissensmanagements, Konzepte des Terraformings, neue Siedlungsformen entwickelt. Die Universität von Dubai hat vor etwa zehn Jahren das Center for Innovation Research and Idea Management (CIRIM) eingerichtet, an bester Lage an der Sufouh Rd. direkt am Meer, wo ein interdisziplinäres Forschungsteam auch an der Auswertung fiktionaler Texte, insbesondere von SciFi-Literatur, arbeitet. Vor einigen Jahren ist er im Rahmen dieser Studien interviewt worden. Später haben sie ihm auch eine Gastprofessur angeboten, die er auf Anraten seines PR-Managers aber ausgeschlagen hat. Allein die Anfrage ist Werbung genug gewesen!

Nur noch einen Monat Schneematsch, Stürme, Nebel und Nulltemperaturen! Auch den würde er herumbringen. Vielleicht könnte er ja den Kontakt mit Pöhner wieder etwas aktivieren, jetzt wo sie beide Berühmtheiten sind. Das ist ja eine Überraschung gewesen, als er gemerkt hat, dass er sein Grundstück genau neben dem Bauernhaus seines alten Lehrerkollegen erworben hatte. Es ist eine Ewigkeit her, dass sie beide an der Kantonsschule unterrichteten, er Deutsch, Pöhner Informationswissenschaft. Ein netter, ruhiger Kerl, der Pöhner, allerdings etwas zurückgezogen. Seit Sven Gabriel vor drei Jahren eingezogen ist, hat er ihn kaum je zu Gesicht bekommen.

Irene scheint ihn besser zu kennen, hat mehrmals schon mit ihm geplaudert und schwärmt geradezu von diesem kultivierten und interessanten Menschen. Gabriel selber hat den Biolinguisten nur ein- oder zweimal im Garten gesehen, als man noch über die Hecke ins andere Grundstück sehen konnte; als der ehemalige Kollege ihn der Höflichkeit halber nach seiner Arbeit fragte und er der Höflichkeit halber sich auch nach seiner erkundigt hat. Bestens, danke, haben beide geantwortet.

Gut, Pöhner arbeitetet viel, muss ständig unterwegs an Tagungen oder bei der Überwachung neuer PBL-Fabriken sein. Unglaublich, was der erreicht hat! Damals im Lehrerzimmer hatten sie immer wieder heftige, aber spannende Diskussionen geführt, über die Möglichkeiten und Grenzen der Computertechnologie. Dann hatte zuerst Pöhner den Ausstieg aus dem zermürbenden Schulleben geschafft, und einige Jahre später er selber. In den Folgejahren hatte er immer wieder von Pöhners Entwicklungen gelesen. Zwar interessierte ihn Programmiertechnik und all das Zeug im Detail nicht besonders, aber als SciFi-Autor kam er nicht darum herum, sich über die technologische Entwicklung auf dem Laufenden zu halten. Später hatten sie noch einmal miteinander zu tun gehabt, als sich Pöhner in einem Artikel über eine neue Computerliteratur geäussert hatte.

Es wird immer Menschen geben, die zur Feder greifen. Zu dieser Literatur wird aber eine neue kommen, eine, die von leistungsfähigen Computern generiert wird. Diese Cyber-Literatur wird sich von der mensch-gemachten höchstens dadurch unterscheiden, dass sie mutiger neue Wege geht und sich nicht durch psychische Blockaden oder Gefangensein in der eigenen Sozialisierung selber im Zaum hält. Ich stelle mir Programme vor, in denen unterschiedliche Generatoren, jeder mit jedem vernetzt, zusammenarbeiten und in Rückgriff auf die Unzahl bestehender literarischer, wissenschaftlicher und anderer Texte aus digitalen Bibliotheken, Datenbanken und dem Internet neue Texte generieren und sprachlich, ebenfalls in Rückgriff auf Kombinationsmöglichkeiten von Stilmerkmalen, Textgattungsmerkmalen usw. ausformulieren. Es ist dem Programmierer freigestellt, ob er der Maschine ganz freien Lauf lässt – wobei sie sowohl ein Epos über akademische Senioren in einer arktischen Eiswüste als auch ein Lautgedicht mit den drei Silben ba, bo und bi generiert – oder ob der Programmierer über eine interaktive Schnittstelle zu verschiedenen Punkten Eingrenzungen, Vorgaben oder eigene Ideen eingibt. Und soll diese Literatur weniger Literatur sein, nur weil sie maschinell generiert ist? Ist es nicht denkbar, dass sie die konventionelle Literatur um Längen schlägt? Ich bin überzeugt, dass nur in der Cyber-Literatur noch eine echte Weiterentwicklung der Literatur liegt […]. (Lili. Zeitschrift für Literatur und Linguistik 5/2014)

Gabriel hat sich über den Artikel so geärgert, dass er nicht anders konnte, als eine scharfzüngige Replik zu schreiben Er hate einen Augenblick das Gefühl gehabt, wieder in einer der Lehrerzimmer-Diskussionen zu sein, mit denen sich die beiden von den eskalierenden Disziplinproblemen an der Schule ablenkten. Aber es ist bei dem einen Artikel geblieben, und das nächste Mal hat er Pöhner nach dem Einzug auf dem Rorschacherberg gesehen. Freundlich, aber distanziert ist er gewesen, und Irene hat sich gefragt, warum ein Mann mit seinem Erfolg in einem restaurierten Bauernhaus über dem Bodensee lebte und selber im Garten arbeitete, wo er sich doch grosse Landhäuser an den schönsten Orten der Welt hätte leisten können, mit einem Heer von Gärtnern und Landschaftsarchitekten. Beim Gedanken an Irenes Äusserung sieht Sven Gabriel sein eigenes Landhaus vor sich, am Jerbourg Point an der Südküste von Guernsey. Gelber Sandstein, repräsentative Einfahrt, Panoramafenster. Im Sommer angenehme Temperaturen um 24 Grad, ideal um auf der grossen Terrasse beim Swimming Pool die nächsten Bände zu studieren, mit Blick auf den Leuchtturm von St. Martin’s, im Hintergrund die Insel Jersey und bei schönem Wetter sogar die Küste des französischen Festlandes.

4.

Frau Pöhners Taxi ist eben weggefahren, der Hund ist schon seit gestern im Tierheim, Clemens Pöhner ist allein in seinem Bauernhaus. Sie hat ihm nur eine kleine Szene gemacht, als ob sie den Moment schon längst erwartet hätte, und er fragt sich, warum er es nicht schon vor Jahren getan hat. Wunderbar – er klatscht in die Hände – alles rechtzeitig fertig, alles funktioniert, jetzt gilt es nur noch abzuwarten, und sich vorzusehen. Im oberen Stock sind die Vorhänge zugezogen, jetzt lässt er im Erdgeschoss noch die Rollläden runter und fixiert sie, die Zugänge zum Keller sind schon verriegelt. Man kann nicht vorsichtig genug sein, wenn er auch einen Angriff im eigenen Haus nicht als sehr unwahrscheinlich erachtet. Aber es wäre doch zu ärgerlich, am letzten Abend vor seiner Abreise. Ob das Haus beobachtet wird? Kaum, die letzte Lieferung wird frühestens morgen eintreffen, vielleicht übermorgen, je nachdem, wann seine Frau das Päckchen entdecken würde, das er adressiert und frankiert in ihre Reisetasche gelegt hat, wie aus Versehen. In ihrer krankhaften Pedanterie würde sie es, Trennung hin oder her, pflichtbewusst in den nächsten Briefkasten werfen, so gut kennt er sie.

Zwischendurch fragt er sich, wie es gekommen ist, dass er, ein so friedliebender Mensch, diesen Menschen auf der anderen Seite der Hecke so abgrundtief hasst. Gut, da ist schon mal die Hecke an sich, die wild in den Pöhnerschen Garten hinüberwächst, dann der ewige Rauch vom Gartengrill, die ständige Lärmbelastung – Aber angefangen hat es schon früher, schon beim Einzug, ja dass Gabriel überhaupt die Dreistigkeit hatte, genau neben ihm einzuziehen. Es gab genug Flecken, die sich ein erfolgreicher Autor leisten könnte, aber nein, hier musste es sein. Und dann noch mit dieser sagenhaften Frau, die er überhaupt nicht verdient! Und ihm dann auf die gute Nachbarschaft noch ein Exemplar seines neusten Romans zu schenken! Aber nein, angefangen hat es noch früher, mit der Replik auf seine Vision einer computergenerierten Literatur. Gabriel hat ihn lächerlich gemacht, ihn als gefühllosen, grössenwahnsinnigen Kulturzerstörer hingestellt.

Es kann kaum etwas Ureigeneres, Urmenschlicheres geben als das Bedürfnis, sich auszudrücken, etwas mitzuteilen, Geschichten zu erzählen, zu erfinden – und dieses aus dem tief Menschlichen Erzählte, Geschriebene zu hören, zu lesen, zu seinem eigenen Erleben zu machen. Warum sollte sich der Mensch freiwillig dieser Möglichkeit berauben, und sich statt dessen Texte antun, die eine gefühllose, gedankenlose Maschine aus toten Bruchstücken zusammengesetzt hat? Dies kann doch nur die Idee eines Technokraten sein, der die Welt nur dann zu verstehen glaubt, wenn er sie mit algorhythmischen Operationen nachzeichnen kann. Herr Pöhner, wir brauchen Bücher, die Äxte sind für das gefrorene Meer in uns, wie Kafka sagt, keine kybernetischen Kühlmaschinen […]

Als ob dieses Schulmeisterlein die Literatur für sich gepachtet hätte! Dann schreibt er noch von Kybernetik; hatte dieser Ignorant noch nicht einmal gemerkt, dass der biotechnologische Ansatz dem kybernetischen diametral entgegengesetzt ist? Ein Schulmeisterlein eben. Und da hat es genau genommen auch angefangen, am Gymnasium, vom ersten Tag an, vom ersten Tag, als dieser junge Schnösel das Lehrerzimmer betrat und ihn bei seinem Morgenkaffee anquatschte. Nachdem er fast fünf Jahre lang jeden Morgen um 07.25 in Ruhe seinen Kaffee trinken konnte, ohne von Kollegen gestört zu werden – das Lehrerzimmer war ja gross genug, dass man einander ausweichen konnte –, wurde er die folgenden Jahre jeden gottverdammten Morgen von diesem Gabriel heimgesucht, der ihm mit seinen undurchdachten Theorien über Literatur, Kreativität, Ideenfindung den Kaffee und den Morgen versaute. Ständig wollte er Bestätigung, versuchte er, ihn in argumentative Fallen zu locken, und das um halb acht, wo jeder anständige Mensch nur seinen Kaffee trinken will. Da begann dieser Kleinkrieg, der immer mehr auf eine Debatte zwischen literarischem Genie und den Möglichkeiten der Informationswissenschaft hinauslief, eine Polarität, die Pöhner selber für undifferenziert und naiv hielt, aber schliesslich ging es auch längst nicht mehr um die Sache. Irgendwann ertappte er sich, dass er recherchierte, um sich gegen Gabriel behaupten zu können, und er wurde den Verdacht nicht los, dass der andere ebenfalls heimlich aufrüstete. Als Gabriel seine ersten Roman publizierte und damit erst noch Erfolg hatte, musste er ihm dies bei jeder Gelegenheit als Sieg der menschlichen Kreativität über die Maschine vorhalten. Gut, mittlerweile war Pöhner selber schon in die Tiefen der Computerlinguistik getaucht, und als er kaum ein Jahr später von den pubertierenden Jugendlichen Abschied nehmen konnte, hatte er zum Gleichstand aufgeholt.

Manchmal scheint es ihm, als habe seine ganze weitere Karriere eigentlich nur dem Ziel gegolten, es seinem Rivalen heimzuzahlen. Seine Vision einer computergenerierten Literatur war ein gezielter Schlag gegen Gabriel, und prompt hatte dieser reagiert, mit überraschender Bissigkeit, was er sich leisten konnte, weil Pöhners Vision in der Theorie zwar überzeugte, aber computertechnisch noch nicht umgesetzt war.

Mittlerweile ist es allerdings keine Theorie mehr. Pöhners Romanmaschine hat drei Bände einer Science-Fiction-Trilogie produziert – rein computergenerierte Literatur! – und niemand hat den Unterschied gemerkt, die Rezensenten überbieten sich mit Lob über Sven Glauser – Pöhner hat alles gesammelt.

Niemand entwirft gewagtere Zukunftsszenarien und niemand setzt sie so konsequent und mit melancholischem Witz um wie Gabriel. (Die Zeit)

Was unmöglich schien, ist Gabriel gelungen: Locus amoenus ist noch origineller, noch spannender, noch tiefgründiger als die ersten Bände der Kolonie-Trilogie. Absolut umwerfend! (Neue Zürcher Zeitung)

Er schafft Welten, zeichnet Zivilisationen und wirft Ökosysteme aufs Papier – heiter, ironisch, immer mit einem kleinen Schuss Resignation. (literaturwelt.de)

Kann es auf einer Raumstation Demokratie geben? Warum scheitert ein Tiefseeprojekt an der menschlichen Psyche? Wie sieht die Erde aus, wenn man sie hundert Jahre sich selber überlässt? Sven Gabriel analysiert im dritten Band seiner Kolonie-Trilogie, Locus amoenus, nichts Einfacheres als – den Menschen. (Der Spiegel)

In Locus amoenus bringt uns Sven Gabriel nach zwei Bänden Kolonie von einer schwindelerregenden Odyssee durch ein apokalyptisch Universum wieder nach Hause. Nach Hause? (Salzburger Nachrichten)

Ein glänzend geschriebener Roman von sprachlicher Prägnanz und überbordender Phantasie. (Die Süddeutsche)Locus amoenus, der Abschluss von Sven Gabriels Kolonie-Trilogie, ist eine grosse Elegie über den Kampf des Menschen in einer schonungslos Welt, gemildert nur durch pointierten philosophischen Witz. (Die Welt)

Dass Gabriel so leicht in die Falle gehen würde, hat Pöhner erstaunt. Natürlich mussten die Absagen für ihn ein Schock gewesen sein! Was musste er sich den Kopf zerbrochen haben, warum die Lektoriermaschinen ihren Liebling plötzlich nicht mehr wiedererkannten und gnadenlos ablehnten. Dass die Maschinen des Deutschen Verlags auf der Basis von Pöhners Neuro-Bio-Netzwerken funktionierten, darauf ist er wohl kaum gekommen. Und woher sollte er wissen, dass die PBL-Gehirne für ihren Erzeuger lebenslang ein offenes Ohr behalten?

Eigentlich hätte Pöhner es ja bei den Absagen bewenden lassen können, aber er wollte mehr, er wollte, dass ihm Gabriel selber den Beweis für seine Computerliteratur lieferte! Und als die ersten Prototypen literarischer Gehirne geerntet werden konnten, wusste er auch wie. Die literarischen Gehirne funktionieren übrigens ziemlich genau so, wie er es in seinem Artikel skizziert hatte: Das Netzwerk entwickelt während der ständigen Lektüre von Textdatenbanken Vorstellungen davon, was ein Roman, ein Plot, eine Handlung, ein Motiv, Motivverkettung, Charaktere, Dialoge usw. ist. Daraus resultieren Generatoren, die miteinander interagieren, sich den Ball hin und her werfen und so aus zufällig ausgewählten, abgeänderten und kombinierten Elementen aus der unendlichen Anzahl von Datenbanken schrittweise einen Roman entwerfen. Um einen SciFi-Roman im Stil von Gabriel zu schreiben, genügte es, neben den Filtern für Science Fiction Gabriels bisherige Texte als primäre Referenzen einzugeben. Schliesslich liessen sich noch Feineinstellungen machen, wie viel Prozent der Hauptfiguren aus den früheren Bänden, wie viele neue, die Blockierung von direkten Zitaten aus bestehenden Büchern aus Datenschutzgründen und vieles mehr.

Einiges schwieriger ist der vierte Band gewesen, Captain Wutzows Rückkehr: Dieser Text musste den stichhaltigen Beweis dafür liefern, dass die Trilogie maschinell erzeugt war, und zwar für jeden durchschnittlich intelligente Mensch leicht nachprüfbar. Dies liess sich mit Worthäufigkeitsmessungen und Ähnlichem rein statistisch ermitteln. Dazu kamen die Script-Seiten, die einen grossen Teil des Textes ausmachten. Und das alles musste in einem SciFi-Roman untergebracht werden, der wiederum im Gabriel-Stil gestaltet war und in dem Captain Wutzow wieder zum Leben erweckt wurde. Die theoretischen Grundlagen für seine Theorie hat er in seinem letzten Artikel im Journal of Cybernetic Linguistics gelegt – somit lag auch kein Vertragsbruch vor, hatte er sich doch mit der Klausel abgesichert, dass Parallelen zu Forschungsartikeln keinen Vertragsbruch bedeuteten.

The Impact of Neuronal Networks on Text Producing

By Clemens Pöhner

The aim to make biotechnologically generated neuronal networks produce literary texts indistinguishable from human produced ones is finally achieved.  […]

Und dabei liest Pöhner Gabriels Romane ja so gern! Aber von nun an ist er ja nicht mehr auf ihn angewiesen, er kann sich die nächsten Abenteuer selber von einem seiner literarischen PBL-Gehirnen generieren lassen, und ihm erst noch einflüstern, was er sich für einzelne Figuren für eine Zukunft wünscht. Genau wie der alte Captain Wutzow selber, wenn er an seiner Maschine die Erzählungen für die Gartengesellschaft generiert.

Draussen ist es dunkel geworden, alles ist ruhig. Morgen früh ist er schon im Luftschiff, gemütlich beim Morgenkaffee hoch über den Thurgauer Gehirn-Plantagen Richtung Elsass.

5.

Sven Gabriel sitzt am Boden, das Hemd offen, telefoniert, einen Notizblock und ein Blatt Papier in der Hand, den Stift im Mundwinkel. Er wirkt mitgenommen, bleich, seine Haare stehen wirr ab, Schweissperlen auf der Stirn. Auf dem Naturholztisch zwei Computer, auf dem Massagestuhl und vor allem auf dem Boden verstreut Bücher, einige offen, die Seiten geknickt, als hätte sie jemand unachtsam hingeworfen.

Cyberlinguistik Einsteigerseminar (Frankfurt 2020);

The Oxford Companion to Computational Linguistics (Oxford University Press 2018);

Handbuch Neuronale Netzwerke und Kommunikationstechnologie (München 2019);

Anwendungen der Biotechnologie (Frankfurt 2019); 

Kommunikationstechnologie in PHP11 (Frankfurt 2020);

Studienbuch Cyberlinguistik (Zürich 2020);

Sprachbiogenetik in 10 Schritten (Berlin, New York 2019);

Grundkurs Datenbanken (Hamburg 2015);

String Operations and Regular Expressions (University of California 2016)

The Complete Guide to Biological Communication Technology (2018)

usw.

Dazwischen liegen überall zerknüllte Notizblätter. Drei leere Weinflaschen, schmutzige Gläser, ein getragenes T-Shirt, Turnschuhe. Das Haus ist leer.

Sven Gabriel macht ein gequältes Gesicht, während er zum Raumempfänger spricht. »Nein, er hat exakt meinen Stil imitiert, meine eigenen Figuren aufgegriffen, Handlungen meiner alten Bücher weitergeführt. Irgendeine biolinguistische Hexerei, davon verstehst du mehr als ich – -«

»…«

»Das geht nicht. Ich habe die Bücher doch unter meinem Namen rausgegeben! Darin liegt doch das ganze Problem – -«

»…«

»Aber mit diesem vierten Roman wird der ganze Schwindel aufgedeckt. Du kannst dir ja vorstellen, was das…« Er rutscht mit dem Rücken der Wand entlang runter, bis er mit ausgestreckten Beinen am Boden sitzt.

»…«

»Hör doch bitte damit auf, ja?« Er hat die Fäuste geballt, dass die Knöchel weiss hervortreten. »Das einzige, was ich von dir wissen will, ist: Kann man auf der technischen Ebene etwas tun oder nicht?«

»…«

»Ja, unverändert, das ist eine Klausel. Er gestaltet den Text so, dass er durch die Lektoriermaschine geht, auch wenn das völlig unmöglich erscheint. Ich meine, die Hälfte des Textes sind Programmscripts, kein Lektorierprogramm würde so etwas je…«

»…«

»Ein Teil der Scripts verweist auf eindeutig identifizierbare Stellen in der Trilogie. Die anderen sind Tools zur Wortfrequenzanalyse, Textvergleich und solche Dinge. Damit lässt sich eindeutig belegen, dass die Romane computergeneriert sind, ich hab es selber ausprobiert.«

»…«

»Das habe ich mir auch schon überlegt. Aber die Materie ist zu komplex. Ich habe mich die letzten Wochen mit nichts anderem als dieser Neuronetzwerk-Scheisse befasst, aber ich blicke nicht durch, ich meine, nie so, dass ich das als meine Arbeit verkaufen könnte.«

»…«

»Du meinst, er manipuliert die Lektoriermaschinen. Ja, natürlich, das macht Sinn, über die PBL muss er Zugang haben, auf jeden Fall.«

»…«

»Also von technischer Seite nichts zu machen?«

»…«

»Dank dir trotzdem. Ciao!«

Er stellt das Telefon ab, nimmt den Stift aus dem Mundwinkel und streicht eine Zeile auf seiner Liste durch, dann vergräbt er das Gesicht in den Händen.

Hannes fragen, ob sich nicht technisch etwas am Script verändern lässt, oder Einfluss nehmen auf die Lektoriermaschinen?

Er blickt auf seine Notizen, die beiden Computer, die Informatikbüchern. Die Situation ist ausweglos. Hannes ist ein lieber Kerl und ein guter Freund, aber in diesem Fall auch keine Hilfe. Und Gabriel rennt die Zeit davon. Seit er den vierten Band bekommen hat, sind schon fast 30 Tage vergangen; davon hat er eine Woche vergeudet, bis er überhaupt das Ausmass der Sache erkannt hat, und auch das erst, nachdem er Pöhners Artikel studiert hatte, den er eine Woche zuvor in seinem Briefkasten gefunden und zunächst auf die Seite gelegt hatte, und die fatale Verknüpfung mit Captain Wutzows Rückkehr und den Trilogie-Bänden gesehen hat, nachdem er die vielen kleinen Tests durchgespielt hat, die eindeutig zeigen, dass die Trilogie nicht vom gleichen Autor stammen kann wie seine früheren Werke und eindeutige Beweise für die nicht-menschliche Herkunft der Bände liefert. Irene hat er nichts gesagt, aber sie hat sofort geahnt, dass etwas nicht stimmt, und nach zwei Wochen hat sie sich in ihr Landhaus auf Guernsey abgesetzt, per Luftschiff von Altenrhein. Ihr alles sagen, ihr nichts sagen, es ist einerlei. Entscheidend ist, wie er sich aus der Affäre zieht. Wenn er keine Lösung findet und ihr nicht mehr das Leben bieten kann, an das sie sich gewöhnt hat, wird er sie nicht mehr sehen. Und seine Tochter wohl auch nicht, das war bei der ersten Trennung schon eindeutig festgehalten worden. Vielleicht würde sich Lisa später einmal nach ihrem Versager-Vater erkundigen, ihre Vergangenheit im Rahmen einer Maturitätsarbeit aufarbeiten.

Sven Gabriel dreht Runden in seinem Arbeitszimmer, trinkt, kaut an seinen Stiften, beisst seine Fingenägel ab, blättert ziellos im Kalender, aber es kommt nichts Neues raus. Er hat zwei Möglichkeiten: das Buch abliefern und sich selber verraten, oder es nicht tun, damit den Vertrag brechen und von seinem alten Lehrerkollegen verraten werden. Ausser eine der Lösungen, die er am Vorabend spontan zusammengestellt hat, liesse sich umsetzen:

  1. mit Pöhner reden und ihn zu beschwichtigen versuchen
  2. falls  Pöhner nicht bereit oder nicht erreichbar ist, mit dem Notar Kontakt aufnehmen.
  3. Pöhner aus dem Weg zu räumen oder so schwer verletzten, dass er nicht mehr bei Verstand ist
  4. Pöhner unter Druck zu setzen, aber womit?
  5. nichts tun, auf der Autorschaft der ersten drei Bände beharren und vom vierten Band und dem Vertrag nichts wissen wollen
  6. sich selber als Computerautor auszugeben, bedingt aber sehr gute Kenntnisse der Materie!
  7. das Buch entgegen der Klausel zu verändern versuchen
  8. Hannes fragen, ob sich nicht technisch etwas am Script verändern lässt, oder Einfluss nehmen auf die Lektoriermaschinen?
  9. mich outen und wenigstens aus dem Medienrummel noch Profit ziehen
  10. das Ganze über mich ergehen lassen und warten, bis der Rummel vorbei ist
  11. mit eigenen Anwälten den Vertrag anfechten
  12. mich ins Ausland absetzen
  13. mich darauf vorbereiten, nach der Publikation Pöhner fertigzumachen
  14. mich umbringen
  15. mich jemandem, Irene?, anvertrauen, der zu mir hält
  16. den Verlag dazu bewegen, von sich aus das Buch nicht anzunehmen, unter Umgehung der Lektoriermaschine
  17. sich dem Vertrag anvertrauen, in der Hoffnung, dass der den Skandal nicht will und auf die Publikation des Wutzow verzichtet. Aber warum soll der Verlag auf eine solche Werbung verzichten wollen?

Rund die Hälfte der Punkte hat er im Lauf des nächsten Morgens durchgestrichen. Pöhner ist verreist und unauffindbar, somit fällt auch Mord und schwere Körperverletzung weg, der Notar beharrt darauf, dass sein Mandant keinen Kontakt will, ein Druckmittel hat er nicht, die Computermaterie ist zu kompliziert, das Buch ändern ist laut Hannes unmöglich, andere Informatik-Tricks gibt es nicht, da hat sich der Alte abgesichert. Abgesichert hat er sich auch juristisch, gegen den Vertrag ist nichts einzuwenden. Ins Ausland gehen wäre möglich, aber dann kann er sich auch hier verschanzen. Irene ist weg und will keinen Kontakt mit ihm. Mit dem Verlag hat er geredet, ist aber nur auf Unverständnis gestossen: Warum sollte jemand auch ein Manuskript zurückziehen wollen, das von den Lektorierprogrammen als vielversprechend eingestuft worden ist und auf das er schon Vorschüsse bezogen hat?

Bei der ganzen Sache stört ihn nicht einmal so sehr, dass ihn ein Computer oder neuronales Netzwerk als Schriftsteller überlistet hat. Damit hätte er leben können, es war ja nahe gelegen, dass so etwas passieren würde: Literatur, vor allem die Art, die er selber schrieb, war ja sehr schematisch, und seit der Einführung der Liste noch schematischer geworden. Nein, das Problem war, dass er seinen Namen dafür zur Verfügung gestellt hat.

Das Telefon klingelt: Es ist Lina Wang von der Ideenfindungs-Agentur, an die er sich in seiner Verzweiflung gewandt hat. In einem ersten Gespräch vor zwei Tagen hat die fleissige Angestellte seine ganze Situation erfasst, sachlich und präzise, hat sich über jeden Punkt durch Rückfragen abgesichert, vermutlich ist sie einem strikten Prozedere gefolgt, das ganze hat auf jeden Fall über zwei Stunden gedauert. Er hat sich gewundert, dass sie auch alles über seine Ehe, seine berufliche Laufbahn, seine Gewohnheiten, die finanzielle Situation, Allergien, bevorzugte Musikrichtungen, Verhältnis zum Elternhaus, Reinlichkeit und Kenntnis bedeutender Politiker des letzten Jahrhunderts wissen wollte, aber sie hat ihm geduldig versichert, kreative Lösungsfindung sei auf ein möglichst breites Ausgangswissen angewiesen. Er hat der jungen Frau mit der kühlen, aber sympathischen Stimme auch von seiner Liste mit den Lösungsansätzen berichtet, und sie sind jeden Punkt durchgegangen. Jetzt will Lina Wang zuerst wissen, wie es ihrem Kunden bei den Gesprächen mit dem Juristen und den Verlagsleuten ergangen ist. Gabriel erzählt, wie er abgeblitzt ist, sich lächerlich gemacht hat.

»…«

»Aha, das hat Ihre Rechtsabteilung auch herausgefunden? Da hätte ich mir den Anruf ja sparen können.«

»…«

»Nein, dem Verlag habe ich noch nichts vom Vertrag gesagt. Dazu hatte ich die Nerven nicht, noch nicht.«

»…«

»Hab ich mir fast gedacht, dass das nichts bringt; jeder Skandal ist Werbung, da haben Sie sicher recht.«

»…«

»Wenn von Ihrer Seite keine valablen Lösungsansätze dazukommen, bleiben…« – er fährt mit dem Zeigefinger über seine Liste – »… vier Punkte übrig.«

»…«

»Aus Ihrer Sicht … ja, das sehe ich natürlich, Profit ziehen ergibt eine positivere Endsituation als nichts tun. Zumindest auf der finanziellen Ebene…«

»…«

»Was das psychisch für mich bedeutet und wie ich da entgegensteuern könnte… Nein, das habe ich mir noch nicht überlegt.«

»…«

»Sie reden von Psychoblockern?«

»…«

»Pöhner fertigmachen? Ja, was verstehe ich darunter?« Er überlegt angestrengt. »Ich weiss es doch auch nicht…«

»…«

»Klar, straffällig werden ist zu meinem Nachteil. Also doch besser die Psychoblocker … Aber nein, vergessen Sie das, das ist nichts für mich, mich einfach mit Medikamenten zudröhnen, ganz ausgeschlossen!«

»…«

»Dann bleibt wohl nur noch Punkt 14«, meint er etwas gereizt.

»…«

Gabriel ist ganz ernst geworden. »Sie empfehlen mir ernsthaft mich umzubringen?«

»…«

»Unter Auswertung aller Daten… – ich fasse es nicht. Und für diese Beratung zahle ich einige tausend Euro?«

»…«

»Ein Problem ohne Lösung!, dass ich nicht lache. Nur weil Sie keine finden, heisst das noch lange nicht…«

»…«

»Jetzt hören Sie auf mit Suizid, das ist nicht komisch. Sind Sie wirklich so geschmacklos, dass Sie mir ernsthaft…«

»…«

»Wie, Sie verstehen nicht – – ?!«

»…«

Er zögert lange. »Sind Sie … ein Mensch?«

»…«

Er legt auf, ist kreideweiss geworden. Kühlmaschinen, überall! Diese verdammten künstlichen Gehirne!

Er starrt eine Weile an die Wand, nimmt sich dann wieder die Liste vor, streicht gedankenverloren hier etwas, ergänzt dort etwas:

  1. mich outen und wenigstens aus dem Medienrummel noch Profit ziehen
  2. das Ganze über mich ergehen lassen und warten, bis der Rummel vorbei ist
  3. mich darauf vorbereiten, nach der Publikation Pöhner fertigzumachen umzubringen
  4. mich Irene umbringen

Ach was, es ist einerlei. Wenn doch nur sein Haus von einem Astrochicken getroffen würde, wie im 8. Kapitel von Morphomallien auf Phobos. Vielleicht sollte er einfach auf das Ganze spucken und in seinem Liegestuhl warten, bis die Welt und in einem Riesentsunami untergeht wie im Roman Der fünfte Fluss im Paradies. Oder vielleicht doch ein oder zwei Morde, wenn die Bücher nicht mehr als Axt taugten… Wie viele hat er schon in seinen Büchern ermordet? Hunderte? Tausende? Zehntausende? Kann es da so viel schwieriger sein, in der realen Welt einen oder zwei Morde zu begehen…? Und dann einen Abgang machen wie Captain Wutzow während seiner eigenen Leichenspiele, irgendwo an einen Aussenposten der Galaxie abhauen.

6.

Möwen kreisen schreiend um den Leuchtturm von St. Martin’s. Die Frau mit dem luftigen Sommerkleid bringt zwei Drinks auf die begraste Terrasse vor dem neu gebauten Landsitz. Der ältere Herr liegt auf einer der beiden weissen Liegen, in Poloshirt und Strickjacke, folgt mit seinem  Blick zwei Luftschiffen, die über dem Rand einer Fachzeitschrift durch den nur leicht bewölkten Himmel ziehen. Er wirkt etwas angespannt.

»Könntest du dir allenfalls vorstellen, mit mir mal die Gärten von  Qushm zu besuchen?«, fragt sie.

»Ist das nicht dieses Terraforming-Projekt im arabischen Golf? Iran?«

Sie nickt.

Er nimmt ihr eines der Gläser aus der Hand und prostet ihr zu. »Warum buchst du nicht gleich, vorausgesetzt die haben in St-Helier drüben ein anständiges Reisebüro. Oder fährst du nicht am Wochenende mit Lisa nach London?«

»Doch – Und du willst uns wirklich nicht begleiten?«

»Nein, ich bleibe ganz gern mal hier. Vielleicht spiele ich etwas Golf im Country Club, oder ich schaue mir beim Reeder das Boot an, das mir neulich so gefallen hat.«

Wahrscheinlich wird er ja doch die meiste Zeit im Landhaus bleiben, über die Erforschung der Mensch-Maschine-Interaktion lesen und sich darüber ärgern, dass dieses Forschungsprojekt ganz ohne ihn läuft und erst noch Erfolg verspricht. Vielleicht wäre es ja doch besser, sich draussen auf dem Liegestuhl in Ruhe den ersten Band der zweiten Kolonie-Reihe zu Gemüte zu führen, die Fortsetzung von Captain Wutzows Rückkehr. Er muss nur noch einige Parameter eingeben und das Ganze ausdrucken.

Das eine Luftschiff ist schon über der Insel, das andere verschwindet hinter einer Wolke Richtung Festland.

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